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Im Bildarchiv des Museums für Islamische Kunst werden zahlreiche außergewöhnliche fotografische Zeugnisse der Türkei aufbewahrt. Aufgrund der historischen Verflechtungen zwischen dem Museum, Deutschland und der Türkei entstand die Idee, diese Fotos einem größeren Kreis von Menschen zugänglich zu machen – damit sie nicht nur als Originale im Museumsarchiv bewahrt werden.
Wir präsentieren hier Fotos aus drei Sammlungen, die die deutschen Reisenden Wolfgang Zorer (1889–1939), Erhard Glitz (1904–1969) und Josef Härle (1937–2015) zwischen den 1920er und 2000er Jahren in der Türkei aufgenommen haben. Die Motive dieser Fotos sind nicht auf historische Stätten und Landschaften beschränkt, sondern spiegeln auch das Alltagsleben in den Städten und auf dem Land wider. Viele der Dias von Erhard Glitz und Josef Härle entstanden in jener Zeit, als die meisten der damals „Gastarbeiter" genannten Arbeitsmigranten in die Bundesrepublik und nach Berlin kamen. Man kann sich in diesen digitalisierten Fotosammlungen auf Spurensuche nach der Kulturgeschichte der Regionen begeben.
Wir suchten den Kontakt zu Menschen mit und ohne türkischen Familienhintergrund und fragten nach Assoziationen, die diese Bilder auslösen oder Erinnerungen, die sie wachrufen. Im Herbst 2025 zeigten wir ausgedruckte Fotos zunächst auf dem Freitagsmarkt am Berliner Maybachufer – leider an einem kalten Regentag – sowie bei einem Fotoabend in der Stadtteilinitiative Brunnenviertel e.V. in Berlin. Beide Aktionen stießen auf reges Interesse, was sich in vielen Kommentaren und Bemerkungen zu den Fotos zeigt, von denen einige in dieser Online-Ausstellung zitiert werden.
Das Projekt entstand in Kooperation mit den Freunden des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum e.V. und wurde durch das Förderprogramm digiS der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Berlin unterstützt.
Prof. Dr. Josef Härle war Gymnasiallehrer, Geografie-Professor und Dekan an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Zwischen den 1960er und frühen 2000er Jahren bereiste er den Vorderen Orient, insbesondere die Türkei, den Irak, Syrien, Jordanien, Palästina und Oman. Er organisierte geografische Fachexkursionen mit Studenten, ebenso wie eigene Forschungsreisen, die er zusammen mit seiner Ehefrau unternahm. Besonders intensiv bereiste er die Region des historischen Mesopotamien, als er für die Karte zum Thema Landnutzung umfangreiche Felduntersuchungen für den „Tübinger Atlas des Vorderen Orients" (TAVO) durchführte. Im Mittelpunkt seiner Unternehmungen standen die Kulturlandschaften der bereisten Regionen – ihre Entstehung, ihre Entwicklung und ihr Wandel –, ergänzt durch Besuche zahlreicher historischer Stätten. Auch in seiner oberschwäbischen Heimat setzte er sich ein: Er initiierte bürgerschaftliche Projekte und engagierte sich mit Schüler:innen und Interessierten im aktiven Naturschutz. Nachrufe betonten seine „innere ökologische Haltung", die sein pädagogisches Wirken ebenso prägte wie seine Forschung. Josef Härle veröffentlichte geografische Lehrbücher, zahlreiche Fachartikel und steuerte die Karte „Mesopotamien. Landnutzung" zum TAVO bei. In der Sammlung des Museums für Islamische Kunst befinden sich heute rund 2.300 Fotos aus seinem Nachlass, die seine Witwe dem Museum übergab. Der Kontakt entstand 2015 bei einem Diavortrag in Buxtehude, in dem ein syrischer Mitarbeiter des Syrian Heritage Archive Projects des Museums und seine Frau ihre fotografischen Eindrücke von Buxtehude Fotos aus Damaskus gegenüberstellten. Frau Härle bot zunächst die Syriendias ihres verstorbenen Mannes an und übergab später die gesamte Diasammlung aus dem Nahen Osten.
Erhard Glitz entschied sich mit 20 Jahren für eine militärische Laufbahn bei der Artillerie im Rahmen der Reichswehr, der gemäß des Versailler Vertrags nur ein 100.000-Mann-Heer erlaubt war. Obwohl die stark beschränkte Wiederbewaffnung keine Luftstreitkräfte erlaubte, erhielt Erhard Glitz eine Fliegerausbildung. Im Rahmen einer deutsch-chinesischen Militärkooperation unter Chiang Kai-shek lebte Erhard Glitz mit seiner Familie als Ausbildungsoffizier zwischen 1934 und 1936 in China. Nach der Rückkehr nach Deutschland diente Erhard Glitz in der unter Hitler 1935 offiziell gegründeten Luftwaffe in der Wehrmacht, wurde 1942 zum Oberstleutnant befördert und dem XIII. Fliegerkorps zugeteilt. Von Februar 1943 bis August 1944 war Glitz Besatzungskommandant auf dem Peloponnes. Am Ende des Zweiten Weltkriegs verlor er bei Kämpfen um Hildesheim einen Arm. Wegen Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit Kämpfen gegen griechische Partisanen wurde er 1947 beim Nürnberger Prozess als Zeuge befragt. Da er keinen zivilen Beruf erlernt hatte und sich für Kunstgeschichte interessierte, eignete er sich das entsprechende Wissen im Selbststudium an und begann eine Tätigkeit als Vortragsreisender – anfänglich vor allem zum Thema China. Später kamen Indien, Ceylon und Nordafrika hinzu. Aus seiner Begeisterung für die griechisch-hellenistische Kultur heraus reiste er nach Griechenland und in die Türkei und begann systematisch zu fotografieren. Unter anderem im Rahmen des Instituts für Auslandsbeziehungen hielt Glitz Lichtbildervorträge über seine Reisen. Der früheste nachweisbare Vortrag datiert vom 26.4.1955 in Gelsenkirchen und trug den Titel „Wunder Anatoliens"; einer seiner letzten Vorträge fand 1968 zum Thema „Freundesland Türkei" statt. Um trotz seines fehlenden rechten Armes fotografieren zu können, benutzte Glitz ein normales Stativ oder eine besondere Konstruktion eines Schulterstativs. Durch eine Schenkung seines Sohnes Uwe Glitz, gelangten fast 10.000 Fotografien ins Bildarchiv des Museums für Islamische Kunst, wovon über 6.500 die Türkei zeigen. Da die Aufnahmen nicht datiert sind, ist nur bekannt, dass sie in den 1950er und 1960er Jahren entstanden. Erhard Glitz reiste in der Türkei zusammen mit seiner Frau, und obwohl die kunsthistorisch bedeutenden Orte und Gebäude im Mittelpunkt standen, zeigen seine Bilder auch Interesse an persönlichen, menschlichen Begegnungen.
Über den 1889 geborenen Eduard Wolfgang Zorer (fälschlicherweise auch „Zohrer" geschrieben) liegen nur wenige Informationen vor. Er war Jagdflieger und Hauptmann im Ersten Weltkrieg, wobei er die damalige Militärtaktik weiterentwickelte und hoch dekoriert wurde. 1917 geriet er in Kriegsgefangenschaft und schied 1920 aus dem Militär aus. Später gab Zorer „Vertretungen für die Luftfahrt" als bürgerlichen Beruf an. In den 1920er/1930er Jahren hielt sich der „Hauptmann und Photograph" Wolfgang Zorer offenbar (durchgehend?) in Ankara auf. So arbeitete er an der Vermessung und fotografischen Dokumentation des Augustus-Roma-Tempels in Ankara mit. 1927 führte er Bauaufnahmen an der Clemenskirche in Ankara durch und beschaffte „Lichtbildzeugnisse" historischer Stätten in Anatolien. Im Fotoarchiv des Deutschen Archäologischen Instituts Istanbul liegen einige wenige Fotos von ihm. Im Internet wird Wolfgang Zorer auch als „Kunstsammler" und „Kunsthistoriker und Archäologe" bezeichnet. Beim Absturz einer Linienmaschine im Dezember 1939 kam Zorer ums Leben. Wenige Monate danach wurde seine Sammlung alter Möbel, Gemälde, Porzellan, Teppiche etc. im Berliner Auktionshaus Hans W. Lange versteigert.
Von den schneebedeckten Gipfeln des Taurus bis zu den Ufern des Van-Sees: Die Türkei ist ein Land von atemberaubender landschaftlicher Vielfalt. Erhard Glitz und Josef Härle haben diese Bandbreite mit ihren Objektiven eingefangen.
Dreschen, Pflügen, Ernten – als diese Fotos entstanden, bestimmten noch alte Methoden den Rhythmus der Felder. Ein Blick auf eine Landwirtschaft, die heute fast verschwunden ist.
In der Türkei gehören Schaf- und Ziegenherden zum vertrauten Straßenbild: bewacht von Hirten, Kindern oder den mächtigen Kangals, die ihre Tiere eigenständig durch die Berge führen.
Als diese Fotos entstanden, zogen noch viele Nomaden mit ihren Herden durch die Türkei. Yörüken im Westen und Koçer im Osten – beide Gruppen kämpfen bis heute um die Anerkennung ihrer jahrtausendealten Hirtenkultur.
Die Türkei war über Jahrtausende eine Wiege großer Zivilisationen – ihre Spuren finden sich bis heute fast überall, in Städten ebenso wie in Dörfern und erzählen Geschichten der kulturellen Vergangenheit.
Istanbul – wo sich Kulturen seit Jahrhunderten begegnen und Kontinente berühren. Am Bosporus pulsierte das Leben im Rhythmus des Meeres: Fischer, Fähren und die Rufe der Straßenverkäufer prägten den Alltag der Stadt.
Bewegung prägt das Leben in der Türkei – zu Lande, zu Wasser und auf Schienen. Von den wandernden Nomaden bis zum allgegenwärtigen Minibus: Das Land ist stets in Bewegung.
Neben ihren eigentlichen Schwerpunkten fotografierten Glitz und Härle auch das Alltagsleben in verschiedenen Regionen der Türkei. Ihre Bilder zeigen Frauen, Männer und Kinder in ganz persönlichen, ungestellten Momenten.
Anfang des 20. Jahrhunderts fotografierte Wolfgang Zorer das sich wandelnde Ankara zwischen osmanischem Erbe und neuer Hauptstadtrolle. Seine seltenen Aufnahmen, teils als 3D-Stereo-Negative, liegen im Bildarchiv des Museums für Islamische Kunst.