(I.1/81), A nineteenth-century Qajar painting. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Jörg P. Anders

Ein poetisches Gemälde aus der Qadscharen-Ära

Erforschung weiblicher Formen und überirdischer Elemente in der Malerei der Qadscharen-Ära des 19. Jahrhunderts.

Über die Geschichte

In der Sammlung des Museums für Islamische Kunst in Berlin hat ein iranisches Gemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert Restauratoren, Kuratoren und Stipendiaten gleichermaßen in seinen Bann gezogen. Seine Bildsprache hält das Gleichgewicht zwischen vertrauten und überirdischen Motiven, strahlt Charme aus und ist ein Beispiel für die Kunstfertigkeit der visuellen Kultur der Qadscharen-Ära im Iran. Die Qadscharen-Ära bezieht sich auf die Zeit der Qadscharen-Herrschaft im Iran von 1789 bis 1925.

Gemeinsame visuelle Motive, wie die Paarung von Rosen und Nachtigallen (gol o bolbol) stammen aus der persischen Literatur und evozieren Themen wie Liebe, Schönheit und Transzendenz. Die Motive sind über das gesamte Gemälde verstreut und offenbaren poetische Anspielungen, die das kulturelle Gedächtnis mit der künstlerischen Brillanz des neunzehnten Jahrhunderts verbinden. Das Gemälde, das vielleicht einst ein Familienhaus in der Nähe von Teheran schmückte, birgt in seinen Details Schichten von Geschichte, Kosmologie und Identität.

Im Jahr 2027 wird dieses Gemälde in der Ausstellung des Pergamonmuseums in Berlin zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung der Berliner Sammlungen für islamische Kunst und Architektur durch das Museum für Islamische Kunst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es lädt den Betrachter ein, Verbindungen zwischen Erbe und Identität zu erkunden. Das Gemälde verkörpert eine Mischung aus gemeinsamen poetischen Bildern, die die komplexe und symbolische Natur der iranischen Kunst widerspiegeln. Die Komposition des Gemäldes weckt Vergleiche mit persischen Teppichen, bei denen Muster und Design mehr als nur Ornamente darstellen und das Gemälde möglicherweise mit den umgebenden architektonischen Räumen in Verbindung bringen.

Obwohl das Gemälde zahlreiche Themen aufgreift, die näher untersucht werden können, konzentriert sich diese Geschichte ausschließlich auf die Darstellung von weiblichen Formen und überirdischen Elementen. 

Die Fäden des Himmels und der Erde

In traditionellen iranischen Innenräumen spiegelten die Decken oft die Muster der darunter liegenden Teppiche wider, um einen visuellen Dialog zwischen dem Himmel über und der Erde unter ihnen zu schaffen. Dieses Zusammenspiel, das oft als „Himmel und Erde“ (Arš o Farš) beschrieben wird, lässt vermuten, dass dieses Gemälde einst mit einem passenden Teppich gepaart war und so räumliche und symbolische Elemente in Harmonie vereinte. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Spiegelsaal (Talār-e Āyeneh) in der königlichen Residenz der Qadscharen-Ära, dem Golestan-Palast.

Der Spiegelsaal (Talār-e Āyeneh) im Golestan-Palast weist einhundertzehn zusammenpassende Paneele („ghab“) in seiner Decke und seinem Teppich auf. Die komplizierte Spiegelarbeit an der Decke wurde zuerst fertiggestellt, und der Teppich wurde anschließend so gewebt, dass er das Design nachahmt, was die iranische Betonung der Einheit von „Himmel und Erde“ (Arš o Farš) widerspiegelt. Das Gemälde von Kamal-ol-Molk fängt diese Verbindung wunderbar ein. Bildnachweis: Encyclopaedia Iranica - Kamal-al-Molk.


Referenzen in der alt-iranischen Mythologie

Die Komposition des Gemäldes spiegelt das Design traditioneller iranischer Teppiche wider und erinnert an die heilige Symbolik der heiligen Stadt Varjamkard in der iranischen Kultur. Diese kosmische Perspektive ist in der alten iranischen Mythologie verwurzelt, insbesondere in der legendären Stadt Varjamkard, die im Avesta (Avestā), dem heiligen Text der Zoroastrier, beschrieben wird. Das Avesta ist eine Sammlung von Hymnen, Gebeten und kosmologischen Lehren und bildet die Grundlage des spirituellen und mythologischen Erbes des Iran. Varjamkard wird als himmlisches Heiligtum mit ewigen Quellen und fließendem Wasser dargestellt, als Symbol für Schöpfung, Erneuerung und die zyklischen Rhythmen des Lebens. Ähnlich wie persische Teppiche, die Paradiesgärten darstellen, verwandelt das Gemälde seine Oberfläche in einen Mikrokosmos dieses Universums.

Jedes Detail spiegelt diese Erzählung der Verbundenheit wider: Blumenmotive, fließende Eslimi-Muster und überirdische Figuren sind nicht nur künstlerische Elemente, sondern Metaphern für die Vereinigung des Irdischen mit dem Überirdischen. Dieser reiche Symbolismus spiegelt die mythischen und poetischen Dimensionen wider, die für die iranische Kultur des 19. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung waren, und macht das Gemälde sowohl zu einem visuellen Meisterwerk als auch zu einer tiefgründigen Darstellung kosmischer Ideale.

Das Flüstern der Anmut: Die weibliche Form in der iranischen Kunst

Die Darstellung von Frauen in der Malerei der Qadscharen-Ära bietet einen Einblick in die nuancierte Darstellung der Weiblichkeit in der persischen Kunst. Die Darstellung von teilweise entblößten weiblichen Figuren, die mit komplizierten Motiven geschmückt sind, spiegelt eine anspruchsvolle Darstellung von Schönheit, Eleganz und Vitalität wider. Diese Darstellungen gehen über die reine Körperlichkeit hinaus und symbolisieren kosmische Harmonie und göttliche Schönheit. Die Darstellung von nackten oder halbnackten Frauen in der iranischen Kunst ist keine Neuheit der Qadscharen-Ära, sondern hat Vorläufer in früheren Traditionen. Ein vielleicht überraschendes Beispiel ist das Manuskript aus Shiraz aus dem Jahr 1411, das unter der Schirmherrschaft von Eskandar Sultan entstand und für seine exquisite Nastaliq-Kalligrafie und seine komplizierten Miniaturen bekannt ist. Eine der bemerkenswerten Illustrationen zeigt Frauen, die in einem überirdischen Becken unter einem goldenen Himmel baden.

Diese Figuren mit ihren entblößten Oberkörpern, die zart mit feinem Schmuck geschmückt sind, verkörpern ein wiederkehrendes Motiv in der iranischen Kunst: die weibliche Form als Symbol kosmischer Harmonie und göttlicher Schönheit.

Die Nacktheit dieser Figuren stellt die konventionellen Vorstellungen von Bescheidenheit in der iranischen Kunst in Frage. Während europäische künstlerische Einflüsse während der Qadscharen-Ära neue Perspektiven auf den Naturalismus und das individuelle Porträt einbrachten, lässt sich die Darstellung weiblicher Figuren in diesem Kontext nicht allein auf externe Inspirationen reduzieren. Werke wie das Shiraz-Manuskript und andere Beispiele aus der Zeit vor den Qadscharen zeigen, dass die Darstellung der weiblichen Form seit langem fester Bestandteil der iranischen Kunst ist.

Die Sonne im Zentrum der Schöpfung

In der Mitte des Gemäldes befindet sich ein strahlendes Sonnenmotiv, das das kosmische Herz des Universums symbolisiert. Diese Platzierung erinnert an die Gestaltung von „Löwenteppichen“ (gabba-ye shiri), bei denen die Sonne als Quelle des Lichts und der Ordnung dominiert, während die Löwen in den Ecken irdische Macht und göttlichen Schutz verkörpern.

(I.1/81), A nineteenth-century Qajar painting. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Jörg P. Anders

In der iranischen Kosmologie werden der Sonne weibliche Eigenschaften zugeschrieben: Sie ist nährend, lebensspendend und steht im Mittelpunkt der Schöpfung und Erneuerung. Diese Symbolik steht im Einklang mit den mithraischen Traditionen, einer alten iranischen Religion, in deren Mittelpunkt Mithra, die Gottheit des Lichts und der kosmischen Ordnung, steht. Im mithraischen Denken steht die Sonne für eine vitale himmlische Kraft, die das Leben lenkt und für Harmonie im Kosmos sorgt. Das Weibliche, das oft mit Licht assoziiert wird, verkörpert die Schöpfung und die zyklischen Rhythmen und spiegelt das natürliche und kosmische Gleichgewicht wider, das für diese Weltanschauung charakteristisch ist.

The Lion and Sun, a figure rooted in descriptions of Imam Ali. Credit: Parviz Tanavoli Collection / Pinterest / Reza Babajani.

Die strahlende Sonne im Gemälde spiegelt diese Attribute wider und unterstreicht die gemeinsame kosmische Rolle der umgebenden Figuren als Quelle von Vitalität, Gleichgewicht und Harmonie. Dieses Zusammenspiel zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen lädt den Betrachter ein, über die gegenseitige Abhängigkeit von Schönheit, Fruchtbarkeit und Transzendenz in den intellektuellen und künstlerischen Traditionen des Iran nachzudenken.

Lion and Sun. Credit: Golestan Palace, Tehran / Credit: Alamy Stock Photo/ Stefan Auth.

Ausblick

In Berlin spiegelt die Reise des Gemäldes von einem privaten Haushaltsschatz zu einem öffentlichen Museumsobjekt seine sich wandelnde Rolle im kulturellen Erbe wider. Für ein internationales Publikum neu kontextualisiert, tragen seine überirdischen Motive und komplizierten Designs nun zu einer breiteren globalen Erzählung über iranische Kunst bei und präsentieren nicht nur ästhetische Schönheit, sondern auch eine dauerhafte kulturelle Bedeutung.

Als Teil der neuen Dauerausstellung des Pergamonmuseums wird dieses Gemälde die Besucher weiterhin inspirieren und das interkulturelle Verständnis und den Dialog fördern. Die Aufnahme des Gemäldes in die Ausstellung unterstreicht das Engagement des Museums, das iranische Erbe zu bewahren und sicherzustellen, dass die Geschichte des kulturellen Austauschs auch für künftige Generationen erhalten bleibt. Das Gemälde ist ein Zeugnis für die Widerstandsfähigkeit der Kunst, ihre Fähigkeit, Grenzen zu überwinden, und ihre Macht, Geschichten, Identitäten und Gemeinschaften zu verbinden.

Über die Autorin

Azar Emami Pari ist Doktorandin der Kunstpädagogik an der Universität Passau und hat sich auf persische Kunst spezialisiert, mit besonderem Schwerpunkt auf der Safawiden- und Qadscharen-Ära. Sie erforscht die visuelle Kultur dieser Epochen und untersucht innovative Ansätze zur Vermittlung und zum Verständnis persischer Kunst in zeitgenössischen Kontexten.

Diese Geschichte ist Teil des Projekts "Crossroads Iran", das von der Ludwig Stiftung über die Freunde des Museums für Islamische Kunst am Pergamonmuseum e.V. unterstützt wird. Das Projekt zielt darauf ab, Geschichten des kulturellen Austauschs, des Transfers von Wissen, Praktiken, Techniken und künstlerischen Einflüssen hervorzuheben und zu erzählen, wobei der Iran am Kreuzungspunkt dieser Erzählungen steht.

Danksagungen

Ich möchte Jutta Maria Schwed, Dr. Margaret Shortle, Ariasp Dadbeh und Toraj Joule für ihre unschätzbare Unterstützung und ihre Einblicke während dieser Arbeit von ganzem Herzen danken. Ihr Fachwissen, ihre Ermutigung und ihre durchdachten Beiträge haben dieses Projekt sehr bereichert.

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