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Museen sammeln Dinge, die zu bestimmten Zeiten als bewahrungswürdig erscheinen. Nicht selten werden diese dabei aus ihren konkreten Verwendungszusammenhängen herausgegriffen. Musealisierung und Fragmentierung gehen häufig Hand in Hand. Ihrer alltäglichen Handlungskontexte beraubt, werden die Objekte im Museum einer neuen Ordnung unterworfen. Bestimmte Aspekte finden besondere Beachtung, andere werden kaum registriert. Hier stellen wir zwei Objekte aus der Ausstellung "in:complete" vor, für die dies in besonderem Maße zutrifft. Sie stehen beispielhaft dafür, dass ein großer Teil unseres Wissens über kulturelle Räume oder Zäsuren auf museale Selektionsprozesse zurückgeht.
Während der 1970er Jahre erwarb das Westberliner Museum für Deutsche Volkskunde (eine der Vorgängerinstitutionen des heutigen Museums Europäischer Kulturen) eine große Anzahl an tschechischen und slowakischen Hemd- und Kragenstickereien. Gänzlich "unbrauchbar" waren anscheinend die nicht gesammelten Trägerstoffe. Sie galten für die angestrebte Systematisierung der Stickereien zu regionalen Typen schlicht als unwichtig. Zur Gruppierung von Textilien zu bestimmten "Trachten" dienten vor allem die Charakteristika der Stickereien. Solche und ähnliche Streifen finden sich deshalb auch in vielen ethnografischen Museen im tschechisch-slowakischen Grenzgebiet.
Nicht nur für Museen waren Teile von Objekten "unbrauchbar". Stickereien wie diese waren häufig von der Landbevölkerung hergestellt worden und zogen das Interesse der Sammler:innen aus den urbanen Zentren auf sich. Auf der Suche nach Erzeugnissen des vermeintlich "unberührten" Dorflebens kamen diese ab dem späten 19. Jahrhundert in großer Zahl in die Peripherien. Die lokale Bevölkerung nutzte dies und verkaufte die alten Stickereien, für die sie häufig selbst keine Verwendung mehr hatte. Sorgfältig herausgetrennt, konnten die Trägertextilien weitergenutzt werden.
Dieses Kopfstück ist Teil einer größeren Bifwebe-Maske, wie sie in einigen Regionen der heutigen Demokratischen Republik Kongo verwendet wurden. In der Sammlung des Ethnologischen Museums werden mehrere solcher Masken verwahrt. Das Kopfteil ist in Wirklichkeit nur ein Bestandteil der Tanzmasken - diese bestanden auch aus Umhängen und anderen Köperteilen.
Da die europäischen Sammler:innen sich jedoch zumeist nicht für diese Bestandteile interessierten, wurden häufig nur die Gesichtsteile gesammelt. In den Museen der Kolonialmetropolen wurden diese Fragmente als "Skulpturen" bewundert - die anderen Teile waren für sie in der Regel nicht von Belang.
Für ihre Hersteller:innen waren sie so ihres Kontexts beraubt und im wahrsten Sinne "unbrauchbar".
Fragmente wirken oft fehl am Platz – und erzählen gerade deshalb faszinierende Geschichten. Die Ausstellung In:complete vereint Kunstwerke unterschiedlicher Epochen und fragt: Was macht ein Objekt eigentlich vollständig?