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Wer vor dem Mihrab aus Kaschan steht, dem fällt zuerst das changierende Licht auf seiner Oberfläche ins Auge. Abhängig von der eigenen Position verändert sich der schillernde Effekt, weil die lüsterglasierten Fliesen das Licht immer anders einfangen. Vor achthundert Jahren wurde dieser Lüster-Mihrab in der kleinen iranischen Stadt Kaschan gefertigt. Seither hat er 6.400 Kilometer zurückgelegt – und wird 2027 in ganz neuem Glanz erscheinen.
Der Mihrab aus Kaschan ist das einzige Beispiel eines monumentalen persischen Lüster-Mihrabs, der in einem öffentlichen Museum in Europa gezeigt wird. Mit der Wiedereröffnung des Pergamonmuseums im Jahr 2027 wird der Mihrab im Ausstellungsraum "Muslimische Glaubensräume - Einblicke in die religiöse Praxis“ zu sehen sein. Seine bewegte Geschichte handelt von der außergewöhnlichen Lüstertechnik, seinen sakralen Inschriften und der bemerkenswerten Reise, die ihn nach Berlin führte.
Vierundsiebzig einzeln geformte, bemalte und glasierte Fliesen fügen sich zu einem der bemerkenswertesten Objekte in der Sammlung des Museums für Islamische Kunst zusammen. Der Mihrab ist fast drei Meter hoch und beinahe zwei Meter breit.
In Kaschan schmückten die Lüsterfliesen einst eine Wandnische in der zentralen Kuppelkammer der Gebetshalle der Meydan-Moschee. Die Nische markierte dort den Mihrab, also die Gebetsnische einer Moschee. Der Mihrab gehört zu den wichtigsten architektonischen Elementen einer Moschee, da er die Richtung nach Mekka anzeigt, zu der sich Muslim:innen im Gebet wenden.
Der Mihrab aus Kaschan unterscheidet sich deutlich von den üblichen Gebetsnischen in Moscheen. Er gehört zu einem zweidimensionalen Typus, der für den mittelalterlichen Iran charakteristisch ist: Die Form bleibt flach, lediglich die Halbsäulen treten plastisch hervor. Diese flache Form wiederholt sich dreifach in jeweils kleiner werdendem Maßstab und lenkt den Blick nach innen. Große blaue Inschriften und Ornamente sowie kleine türkisfarbene Akzente setzen einen markanten Kontrast zur dominierenden Lüsterbemalung, die in wechselnden goldbraunen Tönen schimmert. Die blauen Farben wurden vor der Glasur aufgetragen; das Lüsterpigment kam erst nach dem Glasurbrand hinzu und wurde in einem letzten Brand fixiert.
Das größte zusammenhängende Stück befindet sich oberhalb der Kapitelle: Es trägt eine Dekoration aus Arabesken und eine Inschrift aus dem Koran. An ihrem Ende hinterließ der Meister al-Hasan ibn ʿArabschah seine Signatur sowie die Jahreszahl 1226.
So beschreibt Abu al-Qasim Kaschani den charakteristischen irisierenden Effekt auf der Oberfläche, der durch zwei getrennte Brennvorgänge erzielt wird. Kaschani gehörte der berühmten Keramikerfamilie al-Qasim an.
Kaschan, eine kleine Stadt in Iran, wurde weltweit für ihre Lüsterkeramik bekannt. Die besondere Technik, die für ihre Herstellung erforderlich war, wurde innerhalb von Keramikerfamilien über Generationen weitergegeben. Im 14. Jahrhundert schufen die Künstler:innen in Kaschan besonders kostbare Gebetsnischen aus schimmernder Lüsterkeramik für die Grabstätten schiitischer Heiliger. Es handelte sich um technische Meisterwerke, die durch intensive Farben und sorgfältig komponierte Ornamente eine ganz eigene Pracht entfalteten.
Die Herstellung von Lüsterkeramik gilt als besonders anspruchsvoll. Abu al-Qasim Kaschani beschrieb sie um 1300 als „eine Art Alchemie“.
Beim ersten Brand wird die Keramik auf übliche Weise glasiert und gebrannt. Anschließend wird das Lüsterpigment, das aus metallischen Verbindungen besteht, auf die bereits glasierte Oberfläche aufgetragen und in einem zweiten Brand in einem rauchgefüllten Ofen fixiert. In dieser sauerstoffarmen Atmosphäre verbinden sich die Metalle mit der Glasur und erzeugen den schimmernden, goldartigen Effekt. Kashan war die Stadt, in der diese Technik perfektioniert und zu höchster Vollendung gebracht wurde, und ihre Handwerker:innen waren so eng mit dieser Kunst verbunden, dass das persische Wort für glasierte Fliesen, kashi, vom Namen der Stadt selbst abgeleitet ist.
Jahrhunderte später inspiriert diese eindrucksvolle Handwerkskunst bis heute Historiker:innen und Kunsthandwerker:innen gleichermaßen. Abbas Akbari, ein Gelehrter und Meister seines Fachs, hat Jahre damit verbracht, die Kunst der Lüsterkeramik zu erlernen und den Mihrab aus Kashan zu restaurieren.
Der Mihrab ist mit heiligen Versen bedeckt, doch sind die Inschriften in stark ornamentierten Schriftformen ausgeführt und für Besucher:innen der Moschee kaum zu entziffern. Für die Betenden, die vor ihm standen, mussten die Worte jedoch gar nicht im Einzelnen lesbar sein. Vielen Gläubigen genügt schon ein einziges Wort, um den gesamten Text innerlich zu „hören“. Erst durch die rituelle Verrichtung des Gebets wird das gesamte Kunstwerk vollendet.
Was aber sagen die Inschriften? Zwischen den beiden Kapitellen steht das islamische Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Gesandter“ – es verankert die gesamte Komposition. Zwischen den Säulen verläuft der sogenannte Thronvers, al-Baqara 255 (Sure 2, Vers 255), und setzt sich unterhalb des Glaubensbekenntnisses zwischen den Kapitellen der großen Säulen fort. Er gilt als Ausdruck der Allgegenwart Gottes, da er davon spricht, dass sich Gottes Thron über Himmel und Erde erstreckt.
Die übrigen Inschriften stammen aus den Suren 76, 17, 97 und 112. Vier der Verse wurden wegen ihres direkten oder indirekten Bezugs zum Gebet ausgewählt, andere bekräftigen den islamischen Glauben in allgemeinerer Form. Die einzige konfessionell eindeutig zuzuordnende Inschrift befindet sich auf dem rechten Kapitell; dort ist die schiitische Vorstellung festgehalten, dass ʿAli als Repräsentant Gottes wirkt. Alle übrigen Inschriften gehen über eine konfessionelle Zuordnung hinaus.
Unten links, in auffallend großen Buchstaben zwischen den Worten Gottes, verewigte sich ein Handwerker mit seinem eigenen Namen. Die Inschrift lautet: „Dies wurde am Ende des Monats Safar im Jahr sechshundertdreiundzwanzig von al-Ḥasan ibn ʿArabshāh geschrieben“ (623/1226). Wie Margaret Shortle, Kuratorin des Museums für Islamische Kunst, bemerkt hat, wirkt die Größe dieser Signatur im Kontrast zu den göttlichen Worten, neben die sie gesetzt ist, beinahe überraschend. Indem al-Ḥasan so deutlich die Verantwortung für die Inschriften beansprucht, erkennt er zugleich seine Rolle bei der Weitergabe der göttlichen Botschaft an. Zugleich macht er seinen eigenen gesellschaftlichen Rang sichtbar – in unmittelbarer Nähe zu der Autorität, von der diese Botschaft ausgeht.
Dies war kein Einzelfall. Lüsterfliesenpaneele, die für offizielle architektonische Räume bestimmt waren, wurden zunehmend mit der Signatur des Handwerkers versehen. Dies steht im Zusammenhang mit einer breiteren Entwicklung um die Wende zum 14. Jahrhundert, als Handwerker verschiedener Fachrichtungen erstmals begannen, ihre Namen auf den von ihnen gefertigten Objekten anzubringen. Shortle zufolge knüpfen diese Signaturen an bestehende Formen der Anerkennung und Entlohnung für besonders qualifizierte und gefragte Handwerksarbeit an. Zugleich formulieren sie einen stillen, aber selbstbewussten Anspruch auf künstlerische Autorenschaft seitens derjenigen, die das Werk geschaffen haben.
Der signierte Lüster-Mihrab aus Kaschan aus dem 13. Jahrhundert schmückte einst die Masjid-i ʿImad al-Din, auch bekannt als Meydan-Moschee. Er blieb dort bis zum späten 19. Jahrhundert, als er entfernt und als Teil der Privatsammlung von John Richard Preece (1843-1917) nach London gebracht wurde – einem Engländer, der als britischer Generalkonsul in Isfahan tätig war. Rund drei Jahrzehnte später, im Jahr 1913, wurde Preeces Sammlung persischer Kunst ausgestellt und kam auf den Kunstmarkt. 1927 erwarb Friedrich Sarre sie für die Islamische Abteilung in Berlin. Damit hatte der Mihrab von Kaschan insgesamt rund 6.400 Kilometer zurückgelegt. Heute befindet er sich im Museum für Islamische Kunst und gilt als ein ikonisches Beispiel der Lüstertechnik.
Das Foto von Dieulafoys gilt als eines der frühesten bekannten Abbildungen des Mihrabs, das hier erstmals vollständig veröffentlicht wurde. Es zeigt den Mihrab, eingesetzt in die untere rechteckige Vertiefung einer Wandnische in der Kuppelkammer der Meydan-Moschee. Dieses Foto erregte in Europa große Aufmerksamkeit – zu einer Zeit, als persische Kunst und Lüsterkeramik auf wachsendes Interesse stießen.
Friedrich Sarre, der deutsche Kunsthistoriker, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Fach der islamischen Kunstgeschichte maßgeblich prägte, begegnete dem Mihrab durch diese Publikation zum ersten Mal. Als er Kaschan Anfang 1900 besuchte, war der Mihrab bereits entfernt worden; wie er berichtete, wurden ihm bei diesem Besuch nur einige wenige Fliesen gezeigt.
Persönlich sah er den Mihrab dann 1910 bei einem Besuch der Residenz von Preece's Bruder in Wimbledon. Vermutlich trug er sich damals bereits mit dem Gedanken, ihn für die Islamische Abteilung in Berlin zu erwerben.
Preece präsentierte seine Sammlung aus Persien 1913 in fortgeschrittenem Alter. Der Mihrab aus Kaschan stand dabei im Zentrum und wurde als Katalognummer 1 vorgestellt.
In einem Aufsatz über den Kaschan-Mihrab berichtet Markus Ritter, dass der Mihrab trotz der werbewirksamen und geradezu feierlichen Präsentation im Ausstellungskatalog unverkauft blieb, zumal bereits ein Jahr nach der Präsentation der Erste Weltkrieg ausbrach. Sarre verfolgte den Erwerb des Mihrabs in Verhandlungen mit Preece weiter und musste sich an staatliche Stellen wenden, um die nötigen Mittel aufzubringen. In seinem Schreiben an das Ministerium für Wissenschaft begründete er die Bedeutung, Relevanz und Einzigartigkeit des Lüster-Mihrabs mit den Worten:
"Der Erwerb der Gebetsnische, der außerhalb von Persien nur ein einziges Stück im Universitätsmuseum in Philadelphia an die Seite gestellt werden kann, wäre für die islamische Sammlung von größter Bedeutung."
Der von Sarre erwähnte Mihrab ist das einzige vergleichbare Beispiel eines Lüster-Mihrabs außerhalb des Irans und stammt aus dem Emamzadeh Yahya in Varamin, Iran. Heute befindet er sich in der Doris Duke Foundation for Islamic Art in Honolulu, Hawaii, USA (bis 1940 war er im University Museum in Philadelphia ausgestellt).
Im Inventarverzeichnis der Abteilung für Islamische Kunst sind das Jahr und der von Sarre gezahlte Betrag für den Erwerb des Mihrabs und eines weiteren Objekts, das ebenfalls aus Preece’ Sammlung stammt, vermerkt. Die Summe von 6.900 Pfund, entsprechend 138.000 Reichsmark, war beträchtlich – besonders in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Krieg. Schließlich konnten die Mittel durch ein langfristiges zinsloses Darlehen des Bankiers Jakob Goldschmidt sowie durch den Verkauf eines Teppichs aus Isfahan aufgebracht werden.
TRANSKRIPTION
Nr.: 5366 Katalog-Nummer: R.13.Bl.4 Gegenstand: Mihrab — Fayence Maße: H. 2,87 Br. 1,87 m
Beschreibung (Transkription): Aus 74 Fliesen (ursprünglich 80), davon einige ergänzt, andere gebrochen. Weiß glasierte Reliefstruktur mit Blau, der Grund mit Lüstermalerei. Auf Zementplatten mit Eisenbändern unterstützt mit Holzpaneelen. Persien — datiert 623 H (1226)
Art der Erwerbung: Ausstattung von Sir W. Preece Erben durch Vincent Robinson, genehmigt 6/V 27, Preis mit 5367: 7000 £
Bemerkungen: Aus der Meidan-Moschee in Kashan. Pl. 9921, Pl. 9922, Pl. 10045, 14694 D. 128, D. 531, Pl. 6032 Pl. S. 10 = 762–749, 801
Das Inventarbuch des Museums für Islamische Kunst (1926–1936) online einsehen
Der Mihrab aus Kaschan war seit seiner Erwerbung ein bedeutendes Objekt in der Dauerausstellung des Pergamonmuseums. In der Islamischen Abteilung wurde er zusammen mit anderen Objekten und Mihrabs aus weiteren islamisch geprägten Regionen gezeigt. In der Präsentation vor dem Zweiten Weltkrieg war er im Zusammenhang mit persischer Kunst aus Iran des 13. und 14. Jahrhunderts ausgestellt. Mit der Neuordnung der Ausstellung in den 2000er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt auf eine chronologische Präsentation. Seine Inszenierung veränderte sich damit im Zuge aufeinanderfolgender Neueinrichtungen und spiegelte jeweils die sich wandelnden kuratorischen Zugänge zur Sammlung wider.
Wenn das Museum für Islamische Kunst 2027 nach einer lange notwendigen Sanierung wiedereröffnet wird, wird der Mihrab in einem eigenen Raum zu sehen sein, der dem Verständnis religiöser Praktiken muslimischer Gesellschaften gewidmet ist.
Lüsterkeramik fasziniert seit mehr als tausend Jahren – und die Tradition lebt bis heute fort. Einen vertieften Einblick in den Mihrab und die Geschichte dieser Technik bietet die Publikation des Museums für Islamische Kunst von 2022, die die Forschung zahlreicher Spezialist:innen auf diesem Gebiet zusammenführt.
Das Museum für Islamische Kunst widmet sich seit über 10 Jahren der Erforschung der Lüsterkeramik. Durch Ausstellungen, Forschung und Workshops wird versucht ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Diese Geschichte führt uns zurück nach Kashan um die enge Verbindung zwischen dessen Keramik-Erbe und dem Museum zu untersuchen.
In dieser Geschichte über Provenienzforschung erzählen wir von einer Fliese, die vermutlich in den Werkstätten von Kaschan gefertigt wurde, über Spanien reiste und schließlich ihren Weg in die Berliner Sammlung fand.
Crossroads Iran erzählt Geschichten, die Iran als Schnittpunkt kulturellen Austauschs und künstlerischer Einflüsse zeigen. Das Projekt verbindet Museumsobjekte mit Archivfotos durch Erzählungen und Videos.