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Denkt man an Städte im Nahen Osten, kommen einem sofort berühmte Namen wie Bagdad, Kairo und Teheran in den Sinn. Kashan hingegen ist vielen wohl unbekannt. Die kleine Stadt im Iran ist vor allem für ihre Lüsterkeramik bekannt. Unter den verschiedenen Keramiktraditionen der Welt nimmt die Lüsterkeramik eine einzigartige Stellung ein. Sie ist Edelmetallen verblüffend ähnlich und wurde beschrieben als „reflektierend wie rotes Gold und strahlend wie das Licht der Sonne“. Kashan war zwar nicht die erste, aber die produktivste Stadt, die Lüsterkeramik herstellte.
Das Museum für Islamische Kunst widmet sich seit über 10 Jahren der Erforschung der Lüsterkeramik. Durch Ausstellungen, Forschung und Workshops wird versucht ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Diese Geschichte führt uns zurück nach Kashan um die enge Verbindung zwischen dessen Keramik-Erbe und dem Museum zu untersuchen.
Kashan ist eine kleine Stadt in der nordzentraliranischen Provinz Isfahan. Erstmals erwähnt wurde sie vom berühmten persischen Geographen Ibn Khordadbeh in seinem Werk „Buch der Wege und Königreiche“ (Kitab al-Masalik wa-l-Mamalik, 870 n. Chr.). Gelegen am Rande der sogenannten Großen Salzwüste Irans, Dasht-e Kavir, war Kashan die erste der bedeutenden Oasen entlang der Nord-Süd-Handelsrouten des Landes. Seit dem 12. und 13. Jahrhundert war die Stadt ein wichtiges Zentrum der Lüsterkeramikherstellung und gilt auch heute noch als Wiege der Lüsterkeramikproduktion und der Keramikkünstler im Iran.
Der Begriff „Lüsterware“ leitet sich ab vom schillernden, glänzenden Effekt auf der Keramik. Metalloxide werden eingesetzt, um einen gold- oder kupferähnlichen Glanz zu erzeugen, der besonders widerstandsfähig und langlebig ist. Der rötlich-goldene Lüster verleiht der Keramik einen zusätzlichen Wert und macht sie zu einem Luxusprodukt.
Die Technik der Lüsterherstellung blickt auf eine lange und komplexe Geschichte zurück. Ursprünglich stand die Lüsterdekoration in engem Zusammenhang mit der Glasherstellung. Das früheste datierbare Beispiel eines Lüsterdekors findet sich auf einem Glasbecher aus Fustāt (dem alten Kairo), der auf das Jahr 773 n. Chr. aus der Zeit der Abbasiden datiert wird. Es wird angenommen, dass sich die Technik aus bestimmten Formen spätantiken, emaillierten römischen Glases entwickelte. Gleichzeitig wurden Fragmente früher Lüsterkeramik im Kalifenpalast von Samarra im heutigen Irak entdeckt. Zwischen Samarra und Kashan liegen fast tausend Kilometer – wie also verbreiteten sich Technik und Form?
Man geht davon aus, dass sich die Lüsterware, die sich zunächst von Ägypten und Syrien aus nach Westen verbreitete, auch in Südeuropa, im al-Andalus (der islamischen Iberischen Halbinsel), etablierte. Im 10. und 11. Jahrhundert war Fustat ein bedeutendes Zentrum der Lüsterproduktion. Dieses Zentrum verschwand jedoch mit dem Untergang des damals in Ägypten herrschenden Fatimidenkalifats und der Zerstörung der Stadt durch einen Brand. Wahrscheinlich wanderten Keramikkünstler aus Ägypten nach Kashan aus, wo die zuvor verschwundene Lüsterproduktion in Iran wieder auflebte.
Ein Ort kann sich dann zu einem Zentrum der Keramikproduktion entwickeln, wenn günstige Bedingungen wie der Zugang zu natürlichen Ressourcen, handwerkliches Können und Mäzenatentum zusammenkommen. Jingdezhen in China etwa wurde für sein Porzellan berühmt, da dort Kaolin – ein zentraler Rohstoff für die Porzellanherstellung – vorkommt. Kashan bildete hier keine Ausnahme: Die Region verfügte über hochwertigen Ton sowie über wichtige Mineralien wie Silber- und Kupferoxide, die für die Herstellung der metallischen Lüsterglasur notwendig sind. Zudem war Kashan bereits vor der Entstehung der hochwertigen Lüsterware ein etabliertes Zentrum der Keramikproduktion.
Von der islamischen Welt bis nach Europa steht die Lüsterkeramik somit exemplarisch für kulturelle Transferprozesse. Das Museum hat ein Video produziert, das die Geschichte der Verbreitung dieser Technik veranschaulicht.
Dank eines über 700 Jahre alten Rezepts von Abu al-Qasim Kashani, der aus einer mindestens vier Generationen alten Keramikerfamilie stammte, können Historiker den Herstellungsprozess von Lüsterkeramik auch heute noch nachvollziehen. Er gilt als kompliziert und besonders; Kashani beschrieb ihn als „eine Art Alchemie“.
„Man nehme anderthalb Teile gelben Vitriol und ein Viertel geröstetes Kupfer, vermische beides zu einer Paste und vermahle es. Ein Viertel davon wird mit sechs Dirham reinem Silber vermischt, das mit Schwefel gebrannt und vermahlen wurde. Anschließend wird es 24 Stunden lang auf einem Stein fein gemahlen. Diese Mischung wird in etwas Traubensaft oder Essig gelöst und nach Belieben auf die Gefäße gestrichen. Diese werden dann in einen zweiten, speziell dafür vorgesehenen Brennofen gestellt und 72 Stunden lang leicht geräuchert, bis sie die Farbe von zwei Brennvorgängen angenommen haben. Nach dem Abkühlen werden die Gefäße herausgenommen und mit einem feuchten Tuch abgerieben, damit die goldene Farbe zum Vorschein kommt…“ (Aus Abu al-Qasim Kashanis Abhandlung, 1301)
Dieses Rezept beschreibt anschaulich die zwei Brennvorgänge in zwei verschiedenen Öfen mit Kupfer und Silber als Pigment – ein Verfahren, das der heutigen Herstellung von Lüsterkeramik sehr ähnlich ist.
Im Jahr 2022 organisierte das Museum für Islamische Kunst einen Workshop zur Herstellung von Lüsterkeramik mit dem iranischen Keramikkünstler Abbas Akbari, einem Meister dieser Technik. Akbari lebt derzeit in Kashan.
Akbari folgt Kashanis Rezept und erklärt, dass Lüsterkeramik zwei Brennvorgänge erfordert. Zunächst wird ein Gefäß aus Ton geformt und zum Trocknen beiseitegestellt. Vor dem ersten Brand wird eine erste Glasur aufgetragen. Nach dem Abkühlen wird das Gefäß ein zweites Mal mit einem Pigment bemalt. Das Pigment, das für den Lüstereffekt verwendet wird, ist eine Verbindung aus Silber und Kupfer, vermischt mit feuerfester Erde. Der zweite Brand des bemalten Objekts erfolgt in einem sauerstoffarmen Ofen. Dadurch kann ein chemischer Prozess stattfinden, bei dem das Metall in die weiche Glasur schmilzt. Abschließend wird das Objekt abgerieben, wodurch der schimmernde Lüster zum Vorschein kommt.
In dem in Kashan gedrehten Video besuchen wir Abbas Akbari in seinem Atelier, um die Herstellung von Lüsterkeramik zu beobachten.
Neben der metallisch glänzenden Oberfläche, die die Qualität von Lüsterware ausmacht, muss man sich die wunderschönen Dekors ansehen, um zu verstehen, warum Lüsterware so lange so beliebt war. Sie weisen oft figürliche Darstellungen, sich wiederholende Muster und spätere Dekors auch kleine, eingeritzte Schnörkel und Verzierungen auf.
Ein großer Teller aus der Sammlung des Museums ist ein perfektes Beispiel dafür: In der Mitte prangt ein nach links blickender Adler, so dominant, dass er aus dem zentrales Bildfeld hinausragt und auf dem nächsten Ring steht, umgeben von geschwungenen Blattranken. Man erkennt die Verwendung verschiedener Farben: ein für Lüsterware typisches Rotbraun und ein dunkles Blau. Die dunkelblaue Glasur findet sich auch auf der Unterseite des Tellers und, interessanterweise, auch auf dem Kopf des Adlers. Und natürlich glänzt sie im Licht.
Kashan und Berlin verbindet ein besonderes Objekt: Die prächtige Gebetsnische (arabisch: Mihrab) aus Kashan. Sie besteht aus Lüsterpaneelen, und befindet sich heute im Museum für Islamische Kunst und misst 2,80 m in der Höhe und 1,84 m in der Breite. Die Nische ist vom Keramiker al-Hasan ibn 'Arabshah signiert und auf das Jahr 1226 n. Chr. datiert. Sie zählt zu den wenigen erhaltenen großen Gebetsnischen dieser Art weltweit.
Die Lüsterpaneele wurden 1927 aus der Privatsammlung von John Richard Preece (1843–1917) erworben, der sie in Kashan gekauft und nach England gebracht hatte. Ursprünglich aus der Meydan-Moschee (auch Emad-al-Din-Moschee genannt) in Kashan stammend, schmückten die Lüsterpaneele eine Nischenwand der zentralen Kuppelkammer im Gebetsraum der Meydan-Moschee.
Tatsächlich ist dieser Mihrab aus kleineren Teilen zusammengesetzt, die anschließend in die Wand eingelassen werden. Abbas Akbari hat jahrelang an der Rekonstruktion des Mihrab im Rahmen seines Kunstprojekts „An Oriental Devotion“ gearbeitet.
Ein weiteres Meisterwerk der Lüsterkeramik im Museum für Islamische Kunst ist eine Leihgabe der Ludwig-Stiftung. Diese Vase ist fast tausend Jahre alt und zeigt lebendige Darstellungen von Menschen und Tieren. Wie restaurieren die Restaurator:innen des Museums diese Vase?
Dieses Video bietet einen einzigartigen Einblick in ihre spannende Arbeit.
Wer mehr über Kashan und seine Lüsterwaren erfahren möchte, sollte sich die Publikation des Museums für Islamische Kunst in Berlin aus dem Jahr 2022 nicht entgehen lassen. Sie basiert auf den Forschungsarbeiten von Experten auf diesem Gebiet.
https://iranicaonline.org/articles/kashan-vii-kashan-ware
Watson, Oliver. Persian Luster Wares, Faber & Faber, 1985.
Dr. Shunhua Jin ist Alexander-von-Humboldt-Stipendiatin am Museum für Islamische Kunst. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der islamischen materiellen Kultur in China, insbesondere auf chinesischen Moscheen und Manuskripten. Darüber hinaus untersucht sie den kulturellen Austausch zwischen Ostasien und der islamischen Welt. Herzlichen Dank an Dr. Deniz Erduman-Çalış und Dr. Margaret Shortle.
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Crossroads Iran (ایران: محل تلاقی)“, das von der Ludwig-Stiftung über den Förderverein des Museums für Islamische Kunst gefördert wird. Das Projekt beleuchtet und präsentiert Erzählungen, in denen der Iran eine zentrale Rolle im kulturellen Austausch und künstlerischen Einfluss spielt. Ziel ist es, Museumsobjekte mit Archivfotos zu verknüpfen und sie durch Storys und Videos hier auf Islamic·Art zugänglich zu machen.
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