Die Tar und die Stimmen iranischer Frauen

Eine Reise von Isfahan nach Berlin

Über die Geschichte

Musik trägt Erinnerungen, prägt Kultur und stiftet Identität. Das zeigt sich auch in der islamisch geprägten Kulturwelt, die sich historisch von al-Andalus in Spanien bis nach Indien erstreckte.

In diesem weiten Raum reiste die Musik mit den Menschen und durch Materialien. Sie schuf Verbindungen zwischen weit entfernten Orten und blieb zugleich in lokalen Erfahrungen verwurzelt.

In Iran ist die musikalische Praxis von der langen Geschichte der persischen klassischen Traditionen und von vielfältigen regionalen Klangwelten geprägt, die bis heute den Alltag und den kulturellen Ausdruck in Iran und in der Diaspora bestimmen.

Die iranische Musikerin, Forscherin, Filmemacherin und Kuratorin Yalda Yazdani berichtet von ihrer persönlichen Verbindung zur Musik und von ihrer jahrelangen Forschung zum Musikinstrument „Tar“, einem zentralen Instrument der persischen Musiktradition. Ihre Feldforschung dokumentiert Musiktraditionen in ganz Iran in von Frauen geprägten Räumen.

Musikinstrumente in der islamischen Kunst

In der islamischen Kunst tauchen Musikinstrumente häufig in höfischen und erzählerischen Szenen auf. Dies spiegelt die kulturelle Bedeutung der Musik in elitären und poetischen Kontexten wider. Zu den am häufigsten dargestellten Instrumenten gehören solche aus der Familie der Lauten, die typischerweise als kurzhalsige, bundlose Zupfinstrumente wie die Oud gezeigt werden. Das Motiv des Lautenspielers war ein beliebtes Sujet der höfischen Kunst und findet sich auf Keramiken, in Handschriften und auf anderen Luxusobjekten.

Diese Musikinstrumente waren zwischen etwa dem 9. und 13. Jahrhundert in der gesamten islamisch geprägten Welt verbreitet und sind sowohl in bildlichen als auch in schriftlichen Quellen belegt.

Die hier gezeigte Keramikschale mit Lüsterbemalung zeigt die Darstellung einer sitzenden Person, die die Laute spielt; sie nimmt nahezu die gesamte Innenfläche ein und ist von Ranken mit gegabelten Blättern umgeben. Hinter dem Kopf der musizierenden Person, die ein gepunktetes Gewand mit weiten Ärmeln trägt, ist ein Nimbus zu erkennen. Diese Instrumente und Traditionen haben die Entwicklung vielfältiger regionaler Lautentraditionen im Nahen Osten, in Zentralasien und darüber hinaus beeinflusst.

Representation of a seated lute player on a luster ceramic bowl. I.1506. Iran/c.1200. Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin. Photo: Johannes Kramer

Tar spielen

Yalda Yazdanis erste Begegnung mit der Musik war kein Zufall, ihre Familie und Identität war schon lange vor ihrer Geburt durch ein für die persische Musik zentrales Instrument geprägt.

„Die Musik war Teil meiner Familie, bevor sie Teil von mir wurde. Ich wurde in Isfahan geboren, einer Stadt, in der Kunst und Schönheit in jeden Stein eingewoben sind. Mein Großvater spielte die Tar, mein Onkel spielte die Tar, und mein Vater, der selbst kein Musiker war, sorgte dafür, dass ich meinen eigenen Weg zu ihr finden würde. Seine Unterstützung und Ermutigung waren grenzenlos. So begann ich, ohne zu wissen, dass die Tar nicht nur ein Instrument werden würde, sondern der Anfang einer lebenslangen Reise in die Musik und die Stimmen Irans.“

Die Tar

Die Tar ist ein Zupfinstrument, das in der klassischen persischen Musik eine zentrale Rolle spielt. Ihr Name bedeutet auf Farsi schlicht „Saite“ – ein Wortstamm, der sich sowohl nach Osten als auch nach Westen verbreitete und uns die Sitar in Indien und die Gitarre in Europa bescherte. In ihrer heutigen Form entwickelte sich das Instrument in Iran im 18. und 19. Jahrhundert und ist eng mit dem Radif verbunden, dem traditionellen Repertoire der persischen Musik. Das Instrument wird aus Maulbeerholz geschnitzt, seine Resonanzkammern sind mit einer Membran aus Lammhaut bespannt, und seine Metallsaiten erzeugen einen Klang, der zugleich hell und zutiefst intim ist.

„Die Tar zu erlernen bedeutet, Technik zu lernen und eine Klangphilosophie zu verinnerlichen, die Nuancen und eine zutiefst persönliche Beziehung zwischen Musiker:in und Melodie in den Vordergrund stellt.

Die Tar ist selbst ein Objekt kulturellen Gedächtnisses: Ihr geschnitzter Korpus aus Maulbeerholz, ihre Membran aus Lammhaut und ihre Metallsaiten tragen die Spuren jeder Hand, die sie gespielt hat.“

Auf den Spuren der Musik in Frauenräumen

Frauen haben eine bedeutende Rolle bei Weitergabe und Fortbestand musikalischen Wissens gespielt. Darstellungen von Frauen bei musikalischen Darbietungen sind als historische Zeugnisse des musikalischen Lebens von besonderer Bedeutung. In der gesamten Sammlung des Museums für Islamische Kunst – von Iran über Indien bis nach Ägypten und der Türkei – erscheinen Frauen beim Spielen von Instrumenten auf Keramiken, in Handschriften, auf Wandteppichen und in architektonischem Dekor. Diese bildlichen Darstellungen legen nahe, dass Frauen als aktive Teilnehmerinnen in musikalischen Kontexten präsent waren.

Museumssammlungen bewahren wichtige visuelle und materielle Zeugnisse musikalischer Kulturen, doch die Musik selbst wird nach wie vor mündlich und durch das praktische Ausüben weitergegeben. Die ethnomusikologische Forschung ergänzt diese historischen Quellen, indem sie lebendige Traditionen und die Gemeinschaften, die sie aufrechterhalten, dokumentiert. Mit ihrer Feldforschung in Iran hat Yalda Yazdani diese musikalischen Welten aus der Perspektive der Frauen erkundet, die dieses Wissen bis heute bewahren und weitergeben.

„Zwischen 2009 und 2021 bin ich durch Iran gereist“, schreibt Yalda, „von Schiras und der Gemeinschaft der Kaschgai über Belutschistan und Kurdistan bis zur Küste des Kaspischen Meeres und an die Ufer des Persischen Golfs. Ich folgte den Stimmen der Frauen und ihren Geschichten.

Überall, wo ich hinkam, trugen vor allem die Stimmen der Frauen eine ganze Welt in sich: Wiegenlieder, die weit mehr waren als Lieder, um Kinder in den Schlaf zu singen – sie waren der intimste Ausdrucksraum einer Frau, voller Sehnsucht, Erinnerung und Gefühle, für die es sonst keinen Platz gab –, Arbeitslieder, die mit der Ernte oder dem Rhythmus des Teppichwebens Schritt hielten, zeremonielle Musik für Hochzeiten und Trauerfeiern, rituelle Lieder im Zusammenhang mit Heilung und den Zyklen der Jahreszeiten.

In jeder Gemeinschaft standen Frauen nicht am Rand des musikalischen Lebens, sondern bildeten dessen lebendigen Mittelpunkt. Sie hielten diese Traditionen über Generationen hinweg am Leben und gaben sie von der Mutter an die Tochter weiter, in einer stillen Kontinuität, die keine Einschränkung erreichen konnte. Für diese Frauen war Singen keine Darbietung. Es war Ausdauer. Es war Widerstandskraft.

Daraus entstand die Grundlage meiner Doktorarbeit an der Universität Siegen, in der ich die Situation von Sängerinnen des postrevolutionären Irans untersuchte – wie Frauen sich in einem System, das ihre öffentliche Präsenz einschränkte, zurechtfanden und ihr musikalisches Leben fortführten. Diese Forschungsarbeit habe ich 2025 abgeschlossen. Je genauer ich hinsah, desto mehr fand ich nicht Stille, sondern außergewöhnliche Beharrlichkeit. Eine Stärke, die sich laut und stolz durch alle Regionen zog, die ich besuchte.“

Musik und Migration

Neben ihrer wissenschaftlichen Forschung und Feldarbeit kuratiert und leitet Yalda Yazdani seit 2017 Musikfestivals und Dokumentarfilme in Deutschland. Zu ihren Projekten zählen Female Voice of Iran, Female Art of Crossing Cultures, Female Voice of Afghanistan, Female Voice of Kurdistan, Qashqai Female Voices, Ukrainian Female Voices, Female Voices United und Female Voices of Resilience – Iranian Women Singing for Freedom. Diese Projekte bringen Frauen aus Regionen zusammen, die von Konflikten, sozialen und politischen Herausforderungen und Krieg betroffen sind. Sie schaffen Räume, in denen ihre Stimmen gemeinsam durch Musik gehört werden können.

Seit 2026 ist Yazdani Postdoktorantin im Bereich transkulturelle Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort untersucht sie die Erfahrungen iranischer und nahöstlicher Musiker:innen, die sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut haben, und erforscht dabei, wie Migration die musikalische Identität prägt und verändert.

„Musik hält Gemeinschaften zusammen, wenn so vieles andere unter Druck steht. Und wenn diese Gemeinschaften migrieren, nehmen ihre Musiker:innen diese Widerstandsfähigkeit mit. Die Rolle von Musiker:innen aus Migrationsgemeinschaften ist enorm – nicht nur um Traditionen lebendig zu halten, sondern auch für das, was möglich wird, wenn Kulturen aufeinandertreffen. Aus dieser Begegnung entstehen transkulturelle Musikprojekte, die einen Raum eröffnen, in dem sich unterschiedliche Erzählungen, Klänge und Geschichten wirklich begegnen können.“

„Als iranische Frau, die seit Jahren in Berlin lebt und arbeitet, habe ich aus erster Hand erfahren, wie Entwurzelung die Beziehung zu den eigenen kulturellen Wurzeln sowohl herausfordert als auch vertieft. Die Tar kam mit mir. Und jedes Mal, wenn ich darauf spiele, reist etwas von all den Stimmen, denen ich zugehört habe, mit – die Stimme einer Frau, die im Zagros-Gebirge ein Wiegenlied singt, die Stimme einer Frau, die beim Weben eines Teppichs vor sich hin summt, die Stimme einer Frau, die sich trotz aller Widrigkeiten weigerte, zu schweigen. Diese Frauenstimmen haben mich gelehrt, mich bewegt und mich für immer verändert. Und ich habe mein Leben dem Ziel gewidmet, dafür zu sorgen, dass sie gehört werden.“

Yalda Yazdani, Iran in 2016 - Zeitgenössische Oper Berlin
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CulturalxCollabs: Fragment No. 76 © Museum für Islamische Kunst, Heiner Büld

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