Ankara Schwarzweiß

Wir wissen sehr wenig über Wolfgang Zorer, den Fotografen der in diesem Kapitel gezeigten Bilder. Zwischen den Jahren 1920 und 1938 hielt sich Wolfgang Zorer, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, durchgehend oder zeitweise in der Türkei auf und fotografierte dort. Belegt ist, dass der „Hauptmann und Fotograf“ Wolfgang Zorer ab August 1926 an der Bauaufnahme des Augustus-Roma-Tempels in Ankara beteiligt war, die von D. Krencker, M. Schede und O. Heck (1936) veröffentlicht wurde. 1927 erhielt Zorer Reise- und Sachbeihilfen für fotografische Aufnahmen der byzantinischen Clemenskirche in Ankara.
Die aus dem Nachlass Ernst Herzfelds an das Museum für Islamische Kunst gelangten Glas- und Kunststoffnegative Zorers (190 Stück) zeigen in erster Linie Motive aus Ankara (bis 1930 als Angora bekannt), das mit der Republikgründung 1923 von Kemal Atatürk zur türkischen Hauptstadt ernannt wurde. Erst 1930 erhielt die Stadt ihren heutigen Namen.
Manche der hier präsentierten Fotos sind Stereo-Negative, mit denen sich mithilfe eines Stereo-Betrachters ein 3D-Eindruck erzeugen lässt.

Dieses Beispiel eines Stereofotos zeigt vermutlich einen Ausflug auf einem einspännigen Pferdewagen mit Kutscher nach Kayaş, einem kleinen Ort im Osten der Stadt Ankara. Die Bildinformationen nennen eine Familie Schwarz und einen Orhan Bey. Die Fuhrwerksnummer 872 und seine Holzkonstruktion sprechen dafür, dass es sich um einen Wagen aus einem Fuhrpark handelt.

In einem Gehege präsentiert eine Frau dem Fotografen eine Gans und einen Truthahn - beobachtet wird sie dabei von einer Gruppe ordentlich gekleideter und frisierter Kinder hinter dem Drahtzaun. Auf der Geländebrache im Hintergrund stehen zwei einzelne Häuser, die möglicherweise zur neuen Bebauung Ankaras gehören.

Von den Ministerporträts Zorers zeigen wir hier nur Hamdullah Suphi Tanrıöver (1885–1966), Schriftsteller, Intellektueller und zeitweiliger Professor für Islamische Kunst. Er schloss sich früh Mustafa Kemal, dem späteren Atatürk, an, wandte sich dann jedoch anderen politischen Orientierungen zu, war Abgeordneter und Botschafter und engagierte sich für die türkische Minderheit in Bulgarien.

Wohl im Rahmen eines Umzugs fährt ein Pferdegespann mit drei Soldaten mit Gewehren, das eine Feldhaubitze zieht. Die Mienen der Soldaten sind ernst. Vermutlich soll bei dem Umzug die Schlagkraft des Heeres des noch jungen türkischen Staates – gegründet 1923 – demonstriert werden. Im Hintergrund sind schattenspendende Holzkonstruktionen aufgebaut. Vielleicht handelt es sich um einen Umzug zum Nationalfeiertag am 29. Oktober.

Foto links: Im Foto laufen vier Mädchen in knielangen weißen Kleidern und mit einem Reif um den Kopf vor einem Festwagen her – Kleidung mit möglichem historischen Bezug. Sie scheinen Teil eines Umzugs zu sein, für den im Hintergrund eine Holzüberdachung aufgebaut wurde, ähnlich wie auf dem vorherigen Foto. Die Mädchen bilden die Vorhut des folgenden Festwagens.

Foto rechts: Der Festwagen wird hier aus der Nähe sichtbar; junge Menschen in ähnlicher Kleidung und Kopfschmuck sitzen auf Bänken darauf. Ein monumentaler Aufbau begrenzt ihn vorne und hinten und gipfelt in einer Büste Atatürks mit Strahlenkranz.

Die elegant gekleidete Familie eines Hakki Bey steht vor der Umfassungsmauer der Zitadelle von Ankara (Ankara Kalesi), einem Bau aus byzantinischer Zeit. Im Hintergrund ist eine Bebauung mit traditionellen zweigeschossigen Häusern sichtbar, wie sie bis heute die ‚Altstadt‘ am Burgberg bilden.

Luftbild Ankaras mit Burgberg im Vordergrund: Die Zitadellenmauer mit ihren regelmäßig angeordneten Türmen sowie der steile Abhang sind erkennbar. Das Foto stammt ebenfalls von ca. 1928 und zeigt, wie wenig entwickelt die Stadt noch war. Fünf Jahre zuvor war entschieden worden, dort die Hauptstadt entstehen zu lassen.

Der Bau der Deutschen Botschaft mit ihren Nebengebäuden erfolgte zwischen 1927 und 1929. Bis auf die Begrünung sieht die Anlage heute noch genauso aus wie damals. Allerdings ist der Atatürk-Boulevard vor der Tür heute eine Hauptstraße geworden.

Das frühere türkische Außenministerium wurde 1926–1927 vom Architekten Arif Hikmet Koyunoğlu erbaut. Es spiegelt den sogenannten Ersten Nationalstil der jungen Türkei wider, der osmanische und moderne Stilelemente verbindet. Als das Foto entstand, schien der Bau gerade fertiggestellt. Heute nimmt der Gençlik Park die große Brache ein, auf der die Gruppe junger Männer und Jungen rastet. Das Gebäude beherbergt mittlerweile das Kultur- und Tourismusministerium und liegt – ebenso wie die Deutsche Botschaft – am Atatürk-Boulevard.

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Mit offenen Augen

Mit offenen Augen durch die Türkei: Drei deutsche Fotografen hinterließen zwischen den 1920er und 2000er Jahren ein außergewöhnliches Bildarchiv – und Berliner Stimmen erzählen, welche Erinnerungen die Fotos noch heute wecken.

Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, Fotograf: Erhard Glitz (ge-d-14-02-17) CC0