CulturalxCollabs: Fragment No. 97 highlighted © Museum für Islamische Kunst, Heiner BüldCulturalxCollabs: Fragment No. 97 highlighted © Museum für Islamische Kunst, Heiner Büld

Cultural x Collabs - Weaving the Future

Fragment No. 97

100 Fragmente. 100 Reisen

Dies ist ein Fragment des "CulturalxCollabs - Weaving the Future" Teppichs.

Mit dem Fragment folgen wir der Reise der Besitzer:innen und ihrer Collabs. Sie entdecken und experimentieren mit gesellschaftlich relevanten Themen, die sie auf kreative Weise vorantreiben.

Hier stellen wir Euch das Fragment vor, so wie wir es auf seine dreieinhalbjährige Reise schicken.

Folg dieser Story und erleb die Transformation des Fragments im Laufe der Jahre...

...und weiter geht's...

...mit Anja Binkofski

Ein Tag im Museum aus der Sicht eines Teppichs

Was haben ein Drachen-Teppich aus dem 17. Jahrhundert und Schiffsrecycling gemeinsam? Im ersten Moment treten die Überschneidungen nicht direkt in den Vordergrund: Ein Teppich ist gewebt, aus Stoff und meistens Dekoration, ein Schiff besteht aus Stahl, ist ein Nutzobjekt und um ein Vielfaches größer als ein Teppich. Doch als ich mit dem Teppichfragment #97 durch die Ausstellungen Schiffswelten – Der Ozean und Wir im Bangert Bau des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM)/Leibniz-Institut für Maritime Geschichte wandere und vor dem Stahlfragment der Bremen 4 stehen bleibe, sehe ich auf einmal viele Verknüpfungen zwischen beiden Fragmenten. Sie sind beide Teile von einer größeren Geschichte. In Gedanken verloren stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn sich die beiden Fragmente miteinander unterhalten würden:

Das Teppichfragment #97 war wochenlang in einer dunklen Tasche eingesperrt, jetzt ist es auf einmal sehr hell, fast grell. Der Raum mit den hohen weißen Wänden ist geschmückt von bodenlangen, bedruckten Plakatbahnen. Auf ihnen sind Menschen bei der Arbeit zu sehen: Männer in T-Shirts, weiten Hosen oder Shorts und Flip-Flops stehen an Stränden vor riesigen Containerschiffen. Im Hintergrund klettern Männer auf diesen Stahlkolossen herum. Im Vergleich zum Schiff wirken sie winzig wie Ameisen. Auf anderen Plakaten sind Zahlen und Daten zu lesen: 292 Schiffe und Offshore-Plattformen wurden im Jahr 2022 an den Stränden von Alang in Indien, Gadani in Pakistan und Chittagong in Bangladesch abgewrackt.

Indien kennt der Teppich auch sehr gut, denn hier wurde die Replik gefertigt. Während 127 Schiffe ihr Ende vor Indiens Stränden fanden, arbeiteten Dhanni Devi und ihre Töchter Meenakshi, Suman und Kiran Bunklar in der Nähe von Jaipur (Rajasthan) im Jahr 2022 vier Monate an der Nachbildung des Drachenteppichs. Jaipur ist 873 km von Alang entfernt. Ebenfalls in Handarbeit, ausgestattet mit Metallkämmen, Messern und einem Webstuhl, statt mit Schweißgeräten, ließen sie ein Stück Stoff entstehen, welches nun, in kleinere Fragmente zerteilt, um die Welt reist und Geschichten sammelt.

Das Teppichfragment liegt nicht auf einer ebenen Unterlage, sondern auf einem rauen Material mit scharfen Kanten und vielen Unebenheiten. Kühles Metall drückt sich gegen seine gewebte Unterseite.

Teppichfragment #97: Der Untergrund ist kälter und unebener als erwartet. Im Museum für Islamische Kunst hing ich an der Wand wie die Plakate, die mich nun umgeben.

Fragment der Bremen 4: Ich war nie dafür gedacht, dass etwas auf mir liegt. Ich bin dafür gemacht, das Meer draußen zu halten. Jetzt ist nicht mehr viel von mir übrig. Ein Teil von mir liegt immer noch in der Weser, ein Teil wurde verschrottet und ich liege hier in der Ausstellung im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven.

#97: Ich bin auch nicht vollständig. Ich bin eines von 100 Fragmenten einer Teppichrekonstruktion.

Bremen 4: Wie kommst du ans Schifffahrtsmuseum? Ein Teppich unter Schiffen ist eher ungewöhnlich.

#97: Meine 100 Fragmente bereisen die Welt und sammeln Geschichten über Menschen, Gegenstände und Erfahrungen, die die Welt verbinden.

Bremen 4: Schiffe verbinden die Welt auf jeden Fall. Durch Handel, Expeditionen und Reisen rückt die Welt näher zusammen. Rund 90% des Welthandels wird über die Ozeane transportiert. Doch auch schlechte Dinge wie Kriege, Sklavenhandel und Kolonialisierung wurden durch Schiffsinnovationen ermöglicht.

#97: Spannend, so habe ich Schiffe noch nie betrachtet. Was ist deine Geschichte? Warst du ein Handelsschiff?

Bremen 4: Ich war ein Passagier- und Güterschiff des Norddeutschen Lloyds. 1929 wurde mir sogar das blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung verliehen. Doch mit Beginn des 2. Weltkriegs wurde ich in der Columbuskaje in Bremerhaven als Wohnschiff für Marinesoldaten und als Lager für Flugabwehrkanonen verwendet. Am 16. März 1941 geschah dann das Unglück und ich brannte vollständig aus. Bei dem Versuch, mich zu löschen, wurde zunächst durch eine kontrollierte Sprengung mein Rumpf geöffnet, um mich anschließend in der Weser zu versenken. Ein Teil von mir wurde geborgen und abgewrackt, ein Teil liegt hier im Museum und ein Teil liegt immer noch in der Weser und ist bei Ebbe vom Ufer aus zu sehen. Man munkelt, dass damals die Racheaktion eines misshandelten Schiffsjungen zu dem Brand an Bord geführt hat, doch beweisen lässt sich das nicht.

#97: Mit Bränden und Bomben kenne ich mich aus. Mein Teppich-Vorbild, der kaukasische Drachen-Teppich aus dem 17. Jahrhundert, dem ich nachempfunden bin, wurde ebenfalls während des 2. Weltkriegs von einer Brandbombe getroffen und teilweise zerstört.

Wie spannend, dass wir beide Objekte, die auf den ersten Blick so verschieden sind, doch so viel gemein haben.

Bremen 4: Wir haben sogar noch mehr gemein. Was weißt du über das Thema Recycling?

Das Schweigen des Teppichfragments spricht für sich.

Bremen 4: Du bist eine Teppichrekonstruktion. Was ist mit dem originalen Teppich nach der Brandbombe passiert?

#97: Der Teppich wurde aufbewahrt und aufwändig von Restaurator:innen bearbeitet und zusammengepuzzelt.

Bremen 4: Das Museum hat also entschieden, dass der Teppich es wert war, behalten zu werden. Beim Recycling steht diese Frage an erster Stelle: Was ist es wert, zu behalten? Was ist Abfall? Und wie kann aus Materialien neuer Wert generiert werden? Recycling und Restaurierung sind beide Prozesse oder Handlungen, um Gegenstände und Materialien wieder aufzuwerten. Der Stahl von Schiffen, der oft eine besonders gute Qualität hat, kann für Bauwerke, die Autoindustrie oder Schiffsersatzteile verwendet werden. Die Idee ist, eine Art Kreislauf zu schaffen, bei dem wenig Müll entsteht und die meisten Materialien woanders Verwendung finden können. In der Theorie ist dies jedoch oft einfacher als in der Realität, da viele Materialverbunde nicht wieder getrennt werden können und somit einfach auf dem Müll landen.

#97: So landet der Müll dann zum Beispiel in Indien.

Bremen 4: Genau. Müll bzw. Abfall ist ein globales Thema, genauso wie Schiffsrecycling ein globales Thema ist. Abfall wird günstig ins Ausland verkauft, wo er teilweise sortiert und weiterverwertet wird, aber zu großen Teilen jedoch auf riesigen Müllhalden landet. Durch die Basel-Konvention dürfen Schiffe unter EU-Flagge oder von Eignern aus der EU nicht außerhalb der EU recycelt werden, denn die Menge an Gefahrstoffen, die auf ihnen verbaut sind, macht sie zu Sonderabfall. Trotzdem finden viele Schiffseigner Wege, die Schiffe nach Südasien zu bringen, indem Sie sie zum Beispiel an so genannte „Cash Buyer“ verkaufen. Pakistan, Indien und Bangladesch profitieren von dem Stahl der Schiffe, der ihren Stahlbedarf in vielen anderen Branchen deckt. Jedoch gibt es wenig Schutz für die Arbeiter:innen und die Umwelt und es kommt oft zu Unfällen.

#97: Warum lassen sich die Arbeiter:innen das gefallen? Können sie nicht woanders arbeiten?

Bremen 4: Oft haben sie keine andere Möglichkeit, um ihre Familien zu ernähren. Sie brauchen den Lohn. Das ist jedoch bei der Textilindustrie oft nicht anders.

#97: Aber liegt die Verantwortung dann nicht in Europa, die Schiffe nicht mehr dort hinzubringen?

Bremen 4: Auch das würde ja dazu führen, dass die Menschen vor Ort keine Arbeit mehr haben. Es ist wichtig, das Problem von verschiedenen Seiten aus anzugehen. Einerseits müssen die Arbeitsverhältnisse in Südasien verbessert werden und strengere Regeln für den Schutz von Menschen und Umwelt eingeführt werden. Andererseits stehen europäische Reedereien in der Verantwortung, ihre Schiffe nachhaltig, fair und sicher zu verwerten. Ob dies nun in Südasien geschieht oder in einer europäischen Recyclingwerft, wird man sehen.

#97: Das ist ja ein relevantes und komplexes Thema. Vielen Dank, dass du mir vom Schiffsrecycling erzählt hast. Anscheinend ist das Thema Recycling in vielen Branchen ähnlich und dabei ist es egal, ob das Material nun verschiedene Stoffe, Metalle oder Wertstoffe sind. Es ist ein globales System mit globaler Verantwortung und in jedem Land auf dem Weg der Warenkette wird nur ein kleiner Teil der Geschichte der Objekte deutlich, der zum großen Recycling-System beiträgt. Ein globales Thema mit lokalen Verankerungen. Wie bei der Teppich-Nachkonstruktion, wenn ein Teil fehlt, fehlt auch ein Fragment der Geschichte. 

Ob das Gespräch wohl so ablaufen würde? In der Anthropologie ist, laut Karl-Josef Pazzini (2014), ein Fragment eine Handlung oder das Ergebnis einer Handlung, die etwas zerbricht oder bricht. Eine Ganzheit wird aufgespalten und hört auf zu existieren. Ähnlich wie die Schiffe am Strand, wurde die Teppichnachbildung zerteilt, gespalten und getrennt. Die Ganzheit der Nachbildung existiert nicht mehr. Doch ähnlich wie beim Recyceln kann eine Neukomposition durch die Wiederzusammensetzung etwas Neues hervorbringen.

Dieses Gedankenexperiment zeigt, dass verschiedene Fragmente, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, auch Gemeinsamkeiten haben können und Geschichten, die beide miteinander verbinden. So verbindet die Bremen 4 und den Drachen-Teppich, dass beide durch eine Bombe und ein Feuer zerstört wurden. Jedoch hat man bei beiden entschieden, dass die Bruchstücke es wert sind, behalten zu werden und im Museum dafür zu sorgen, dass alte Geschichten nicht vergessen werden und neue Geschichten entstehen können, indem sie durch verschiedene Ausstellungen und Begegnungen in neue Kontexte gesetzt werden. Ein besonderer kultureller Dialog zwischen einem Schiff und einem Teppich.

Ich lege das Teppichfragment #97 wieder zurück in seine schützende Hülle. Nun darf es weiter wandern. Ich bin gespannt, welche Geschichten es auf seiner Reise noch so sammeln wird.

Über die Autorin & Quellen

Über die Autorin:

Anja Binkofski erforscht im Rahmen ihrer kulturwissenschaftlichen Dissertation am Deutschen Schifffahrtsmuseum / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte (DSM), wie sich Schiffsrecycling auch in Deutschland ansiedelt und welche Formen von Wert in dem Thema verhandelt werden.

Falls Sie der Blogpost neugierig auf das Thema Schiffsrecycling gemacht hat, schauen Sie gerne auch am Deutschen Schifffahrtsmuseum vorbei oder erfahren Sie mehr in einem der untenstehenden Artikel.

Quellen:

Hommers, Helge (2026). Luxusliner in Flammen: Das tragisch-mysteriöse Ende der "Bremen". Butenunbinnen.de. https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/bremen-schiff-bremerhaven-untergang-geschichte-brand-100.html

Pazzini, Karl-Josef (2014). Fragmentierung. In: Wulf, C., Zirfas, J. (eds) Handbuch Pädagogische Anthropologie. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-18970-3_17

Weitere Literatur zu dem Projekt:

Spethmann, Catharina und Sonja Harbers (2025). Bietet Schiffsrecycling eine neue Chance für Bremens Werften? Butenunbinnen.de. https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/hongkong-konvention-schiffsrecycling-bremerhaven-100.html

Müllenberg, Annica (2025). Stille Giganten auf letzter Fahrt. Deutsches Schifffahrtsmuseum/Leibniz-Institut für Maritime Geschichte. https://www.dsm.museum/pressebereich/stille-giganten-auf-letzter-fahrt

 

Die Reise beginnt...

...mit Mohammad Abu Al Hasan

Von der Antarktis zu einem Teppichfragment: Fürsorge über Entfernungen hinweg, Kulturerbe über Kulturen hinweg

Wenn ich das Teppichfragment aus dem Museum für Islamische Kunst in Berlin in meinen Händen halte, werde ich an eine einfache Wahrheit erinnert: Kulturerbe muss nicht vollständig sein, um beeindruckend zu sein. Ein Fragment kann eine ganze Welt in sich tragen. Es kann die Intelligenz des Handwerks, die Erinnerung an Gemeinschaften und die Spuren von Reisen enthalten – von menschlichen Reisen über materielle Reisen bis hin zur langsamen Reise von Ideen durch die Zeit.

Ich bin Archäologe und Kulturerbe-Experte aus Bangladesch und lebe seit acht Jahren in Deutschland. Mein Weg führte mich durch verschiedene Landschaften und Lernumgebungen, darunter Studien zum Kulturerbe in Deutschland und Ägypten. Heute arbeite ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven, wo mein Schwerpunkt auf dem Kulturerbe der Antarktis liegt. Diese Arbeit vertieft kontinuierlich mein Verständnis dafür, was es bedeutet, sich um die Vergangenheit zu kümmern, und warum diese Sorge geteilt werden muss.

Auf den ersten Blick scheinen die Antarktis und ein gewebtes Textil zwei verschiedene Welten zu sein. Die eine ist eine polare Landschaft aus Eis und Wind, die oft als abgelegen und leer vorgestellt wird; die andere stammt aus menschlichen Siedlungen, Wohnräumen und dem Alltag. Dennoch sprechen beide dieselbe Sprache der Fragilität und Verantwortung. Das antarktische Kulturerbe überdauert unter Bedingungen, die aufgrund der eisigen Temperaturen Spuren über lange Zeiträume hinweg bewahren können, aber es ist auch außerordentlich gefährdet, da es Umweltveränderungen, logistischen Einschränkungen und der Tatsache ausgesetzt ist, dass dieser Ort weit entfernt vom Alltag der meisten Menschen liegt. Seine Erhaltung erfordert internationale Zusammenarbeit, sorgfältige Forschung und einen klaren ethischen Kompass. Es erfordert den Glauben, dass auch das, was weit entfernt ist, von Bedeutung ist und dass die Geschichten, die an abgelegenen Orten bewahrt werden, dennoch zur Menschheit gehören.

Hier wird das Teppichfragment zu mehr als einem Gegenstand. Auch ein Teppich ist ein Archiv, nur dass es nicht mit Tinte, sondern mit Fasern geschrieben ist. Er trägt Entscheidungen über Materialien und Farbstoffe, über die Bedeutung von Mustern in sich.

Es trägt die Spuren von Händen und den Rhythmus der Arbeit einer Generation von Lernenden. Vor allem aber steht es für Austausch. Textilien haben schon immer Regionen, Sprachen, Kulturen und Glaubenssysteme überschritten. Motive und Methoden wandern mit Menschen durch Handel, Migration, Diplomatie und manchmal auch durch Vertreibung. Bei genauer Betrachtung stellen wir oft fest, dass das, was lokal erscheint, Einflüsse von anderswo enthält, die so tief in das Design eingewoben sind, dass sie untrennbar mit dem Ganzen verbunden sind. In diesem Sinne sind das Teppichfragment und das antarktische Erbe durch denselben Gedanken verbunden: Die Geschichte der Menschheit entsteht durch Bewegung und Begegnung. Keine Kultur wächst isoliert. Keine Tradition bleibt von anderen unberührt. Vielfalt ist keine moderne Modeerscheinung, sondern ein uraltes Merkmal des Menschseins.

Durch meine Arbeit im DSM bleibt mir dieser Gedanke auch auf ganz praktische Weise nahe. Museen sind Orte, an denen Reisen sichtbar werden: Objekte, Materialien und Wissen kommen aus unterschiedlichen Kontexten, und unsere Aufgabe ist es, sie sorgfältig zu erforschen, verantwortungsbewusst zu bewahren und ihre Bedeutung mit der Öffentlichkeit zu teilen. Wenn ich durch die Museumsräume an meinem Arbeitsplatz gehe, umgeben von Zeugnissen dafür, wie weit Menschen gereist sind, wie viel sie erforscht und wie viele Ideen sie ausgetauscht haben, werde ich daran erinnert, dass Verbundenheit in der Geschichte der Menschheit keine Ausnahme ist. Sie ist das Muster.

Die Arbeit am antarktischen Kulturerbe hat mich gelehrt, viel über Verantwortung nachzudenken. Die Antarktis gehört nicht einer Nation oder einer Gemeinschaft, wie es bei vielen Kulturerbestätten der Fall ist. Sie ist geprägt von internationalen Rahmenwerken, wissenschaftlicher Präsenz und gemeinsamer Verantwortung. Diese gemeinsame Verantwortung ist nicht immer einfach, aber sie ist sinnvoll. Sie fordert uns auf, über unsere unmittelbaren Grenzen und Identitäten hinaus Fürsorge zu üben. Sie lädt uns ein, zu fragen: Was bedeutet es, etwas zu schützen, das wir vielleicht nie „besitzen“ werden, aber dennoch schätzen? Wie ehren wir Geschichten, die kompliziert, multinational und manchmal unangenehm sind?

Diese Fragen sind ebenso relevant, wenn wir über kulturelle Vielfalt in unserem Alltag sprechen. In vielfältigen Gesellschaften begegnen wir ständig Geschichten, die ursprünglich nicht unsere eigenen sind. Wir begegnen Sprachen, Bräuchen und Erinnerungen, die nicht zu unserer Kindheit passen. Vielfalt fordert uns auf, unsere Vorstellung von Zugehörigkeit von etwas, das auf Gleichheit basiert, zu etwas zu erweitern, das durch Respekt und Erfahrung aufgebaut ist. Sie drängt uns dazu, kulturelle Unterschiede nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Ressource, als Quelle der Kreativität, der Widerstandsfähigkeit und des tieferen Verständnisses.

Als Wissenschaftler aus Bangladesch, der in Deutschland lebt und arbeitet, erlebe ich dies nicht nur als Konzept, sondern als tägliche Realität. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Identität nicht etwas ist, das man entweder intakt hält oder vollständig verliert, wenn man umzieht. Es ist etwas, das man lernen muss, mit Sorgfalt zu behandeln. Das Leben an einem neuen Ort kann das Bewusstsein dafür schärfen, was man mitbringt, wie Werte, Perspektiven und Sichtweisen. Es lehrt uns auch, was wir von anderen lernen können. Das ist nicht immer einfach. Aber es kann zutiefst bereichernd sein. Es kann dich aufmerksamer und einfühlsamer machen. Es kann dich auch dankbar machen für Institutionen wie Museen, die Räume schaffen, in denen viele Geschichten nebeneinander existieren können.

Museen können solche Räume sein, wenn sie mehr tun, als nur Objekte auszustellen, und stattdessen den Dialog fördern. Ein Programm wie CulturalxCollabs – Weaving the Future ist wichtig, weil es anerkennt, was ein Textil bereits zeigt: dass Kultur durch Beziehungen entsteht. Das Weben ist eine passende Metapher, denn eine gewebte Oberfläche wird nur durch gegenseitige Abhängigkeit stark. Ein einzelner Faden kann keinen Teppich bilden. Stärke entsteht durch Verbindung, durch Kreuzung und Verbindung, durch Spannung, die im Gleichgewicht gehalten wird. Die Schönheit des Musters entsteht nicht dadurch, dass die Fäden identisch sind, sondern dadurch, dass sie zusammenwirken. Genau so bereichert kulturelle Vielfalt unser Leben. Sie verlangt nicht, dass wir unsere Unterschiede auslöschen, sondern lädt uns ein, sie in einen Dialog zu bringen. Sie bietet mehr Möglichkeiten, die Welt zu interpretieren, mehr Fähigkeiten, Probleme zu lösen, mehr künstlerische Sprachen, um Bedeutung auszudrücken. Sie ermöglicht es uns, uns selbst aus neuen Blickwinkeln zu erkennen. Manchmal entdecken wir unerwartete Vertrautheit in dem, was wir für fremd gehalten haben. Manchmal lernen wir, dass das, was wir für universell gehalten haben, eigentlich spezifisch ist und dass es daneben noch andere Universalien gibt. Das Teppichfragment erinnert mich auch an einen weiteren wichtigen Punkt: Das Kulturerbe ist nicht nur monumental. Wir denken oft an das Kulturerbe als großartige Architektur, berühmte Stätten oder national gefeierte Geschichte. Aber das Kulturerbe lebt auch in Gegenständen des täglichen Lebens: Textilien, Werkzeugen, Fotografien, Briefen, Liedern, sogar in den gefrorenen Konserven aus der heroischen Ära in der Antarktis. Diese Gegenstände tragen die Intimität gelebter Erfahrungen in sich. Sie bewahren die Präsenz gewöhnlicher Menschen, deren Namen vielleicht nicht aufgezeichnet sind, deren Kreativität jedoch ihre Welt geprägt hat. Dieses Erbe zu schätzen bedeutet, das menschliche Leben in seiner ganzen Fülle zu schätzen, nicht nur seine offiziellen Erzählungen.

In der Antarktis arbeiten Kulturerbe-Expert:innen mit bescheidenen Spuren: kleinen Bauwerken, Alltagsgegenständen, Spuren, die durch Routinearbeit und Überleben hinterlassen wurden. Sie mögen nicht dramatisch aussehen, aber sie sind zutiefst menschlich. Ebenso mag ein Teppichfragment klein erscheinen, doch es enthält Sozialgeschichte: Wer hat es hergestellt, zu welchem Zweck, welches Wissen war dafür erforderlich, wer hat es verwendet, welche ästhetischen Entscheidungen wurden geschätzt und welche Netzwerke ermöglichten seine Materialien und Motive? All dies erinnert uns daran, dass die Vergangenheit oft in dem bewahrt wird, was gewöhnlich erscheint, bis wir lernen, es zu sehen und zu schätzen.

Was bedeutet es also, die Zukunft zu weben?

Für mich bedeutet es, zu lernen, über alle Arten von Distanz hinweg Fürsorge zu üben – geografische Distanz, kulturelle Distanz, historische Distanz. Es bedeutet, sich gegen die Vorstellung zu wehren, dass das Erbe nur einer Gruppe, einer Nation oder einer Identität gehört. Es bedeutet zu verstehen, dass unsere Leben bereits miteinander verwoben sind, ob wir es nun anerkennen oder nicht, durch die Gegenstände, die wir benutzen, die Lebensmittel, die wir essen, die Technologien, auf die wir uns verlassen, und die Geschichte, die unsere Städte und Institutionen geprägt hat.

Die Zukunft zu gestalten bedeutet auch, Neugierde über Angst zu stellen. In Zeiten, in denen Gesellschaften angesichts von Unterschieden ängstlich werden können, bietet das Kulturerbe eine Gegenlektion, dass Unterschiede nichts Neues und keine Schwäche sind. So hat die Menschheit schon immer geschaffen, sich angepasst und überlebt. Kulturelle Vielfalt ist nichts, was wir tolerieren. Sie ist etwas, das wir aktiv schätzen können, weil sie unsere kollektive Fähigkeit erweitert, uns vorzustellen, uns einzufühlen und gemeinsam ein sinnvolles Leben aufzubauen.

Dieses Teppichfragment ist zwar klein, fühlt sich aber wie eine Verpflichtung an. Eine Verpflichtung, genau hinzuschauen, aufmerksam zuzuhören und die vielen Hände und Geschichten zu würdigen, die unsere Welt prägen. Ob ich nun im DSM an antarktischem Kulturerbe arbeite oder mich im Museum für Islamische Kunst mit einer Textiltradition beschäftige, die Kernbotschaft bleibt dieselbe: Wir sind Hüter von Geschichten, die größer sind als wir selbst. Und wenn wir erkennen, wie viel wir über Ozeane, Grenzen und Jahrhunderte hinweg miteinander teilen, wird uns bewusst, dass die Zukunft nicht durch das Trennen von Fäden entsteht, sondern dadurch, dass wir sie zu etwas Stärkerem verweben. Letztendlich ist dieses Fragment nicht nur ein Überbleibsel der Vergangenheit. Es ist eine Erinnerung für die Gegenwart: dass unsere Gesellschaften, genau wie Textilien, am schönsten sind, wenn viele Fäden zusammenhalten, jeder sichtbar, jeder wertvoll, jeder unverzichtbar für das Muster ist.

CulturalxCollabs: Fragment No. 97 © Museum für Islamische Kunst, Heiner Büld

Schau genau

Vorne und hinten

Über das Projekt

Das Projekt des Museums für Islamische Kunst "CulturalxCollabs - Weaving the Future" feiert die transformative Kraft des kulturellen Austauschs und die gesellschaftlichen Verflechtungen, die uns alle vereinen. Alles, was wir lieben, geliebt haben und jemals lieben werden, stammt aus kulturellem Austausch, Migration und Vielfalt, oder wie wir es gerne nennen, #CulturalxCollabs.

100 Teppichfragmente, aus einer Replik des ikonischen Drachenteppichs geschnitten, werden die Welt bereisen (unterwegs mit DHL). Mit Hilfe der Collab-er werden die Fragmente #CulturalxCollabs bereichern, menschlichen Einfallsreichtum inspirieren, Gemeinschaft fördern und letztendlich zeigen, wie kultureller Austausch all unsere Leben bereichert.

Folg #CulturalxCollabs auf Instagram und erleb wie sich das Projekt entfaltet....

...oder lies hier weiter

Weaving the Future

Begleite uns auf eine Reise mit 100 Teppichfragmenten, die dreieinhalb Jahre lang rund um die Welt reisen, vorübergehende Zuhause finden und dabei kulturelle Grenzen überbrücken. Vereint durch die Kraft persönlicher Geschichten fördern die Fragmente eine weltweite Gemeinschaft.

Wie ein Teppich entsteht

Ein kaukasischer Teppich aus dem 17. Jahrhundert, halb zerstört durch eine Brandbombe im Zweiten Weltkrieg, wird zur Vorlage für einen Doppelgänger — gewebt 2022 von einer Familie in Rajasthan, Indien. Über 2,3 Millionen Knoten später reist er als 100 Fragmente in alle Welt. Dies ist die Geschichte, wie er entstand.

100 Fragmente. 100 Reisen

"CulturalxCollabs - Weaving the Future" - 1 Projekt, 100 Teppichfragmente. Folge ihrer Reise mit den immer wieder wechselnden Besitzer:innen innerhalb der nächsten 3,5 Jahre.

Wo ist der Drache?

Ein kaukasischer Drachenteppich aus dem 17. Jh. - der Star des "CulturalxCollabs - Weaving the Future" Projekts. Aber wo ist der Drachen eigentlich?