de
Hinter jedem der 100 Fragmente, die heute in der Welt unterwegs sind, steckt eine Geschichte, die lange vor dem ersten Knoten beginnt. Eine Geschichte über Inspiration, über minutiöse Handarbeit, über ein kleines Dorf in Rajasthan — und darüber, was passiert, wenn Feuer nicht nur zerstört, sondern auch neu erschafft.
Dies ist die Geschichte, wie der Doppelgänger des Drachen-Teppichs entstanden ist.
Alles beginnt mit einem kaukasischen Teppich aus dem 17. Jahrhundert — dem Original, das seit über 140 Jahren in Berlin aufbewahrt wird. Seine Besonderheit liegt nicht nur in seinem Muster oder seinem Alter. Sie liegt in dem, was ihm zugestoßen ist.
Im Zweiten Weltkrieg verbrannte eine Brandbombe fast die Hälfte des Teppichs. Seither zeigt er eine unverwechselbare Silhouette: Teile des Designs existieren nicht mehr, die Umrisse der Motive sind unterbrochen, die Fehlstellen deutlich sichtbar. Bei seiner Restaurierung im Jahr 2004, anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Museums für Islamische Kunst, entschied man sich bewusst, diese Zerstörung nicht zu verbergen. Die verbrannten Bereiche wurden neutral unterlegt — sichtbar, ehrlich, ungeschönt.
Genau diese Entscheidung wurde zur Grundlage des Doppelgängers: ein Kunstwerk, das nicht Perfektion, sondern Geschichte zeigt.
Die Idee für den Doppelgänger entstand in einem Dialog zwischen zwei Welten: Jürgen Dahlmanns, Gründer von RUG STAR in Berlin — einem der renommiertesten Häuser für handgeknüpfte Teppiche weltweit — und Anna Beselin, Teppichrestauratorin am Museum für Islamische Kunst. Beide bringen ein tiefes Verständnis für Teppiche mit: Dahlmanns aus der Perspektive zeitgenössischen Designs und internationaler Produktion, Beselin aus der Perspektive historischer Konservierung und wissenschaftlicher Analyse. Gemeinsam entwickelten sie 2018 Konzept und Entwurf des Doppelgänger-Teppichs.
Der Entwurf übernimmt die Silhouette des Originals — spiegelt sie aber. Was im Original links war, ist im Doppelgänger rechts. Eine bewusste Entscheidung: Der Doppelgänger soll dem Original gegenüberstehen, es anschauen, mit ihm im Dialog sein.
Der eigentliche konzeptionelle Kern liegt im Umgang mit den Fehlstellen. Dort, wo der originale Teppich durch das Feuer zerstört wurde — also genau das, was fehlt — wird im Doppelgänger durch kostbare weiße Seide hervorgehoben. Die erhaltenen, farbigen Bereiche des Originals werden dagegen in Wolle geknüpft und der Flor, also die Teppichoberfläche, sehr kurz geschnitten. Das Ergebnis ist ein Teppich, der mit zwei Ebenen spielt: der Seide und der Wolle, dem Hohen und dem Dichten, dem Glänzenden und dem Matten.
Dazu kommt ein eingeknüpftes Raster: 10 × 10 Rechtecke überlagern das Muster und markieren die Schnittlinien der späteren 100 Fragmente. Es ist Teil des Konzepts.
Die Farbgestaltung folgt dem Original so nah wie möglich — Farbschattierungen, die sich über Jahrhunderte und durch das Feuer verändert haben, werden minutiös nachempfunden. Jede Nuance zählt.
Bevor ein einziger Knoten gesetzt wird, entsteht am Computer die Knüpfvorlage. Jeder einzelne Knoten des Teppichs wird als kleines Quadrat maßstabsgetreu abgebildet. Das klingt technisch — ist aber hochkünstlerisch.
Zum Verständnis der Dimension: Der fertige Teppich misst 265 × 610 cm. Bei einer Knüpfdichte von 38 × 38 Knoten pro 10 cm ergibt das über 2,3 Millionen Knoten. Für jeden einzelnen davon muss die richtige Farbe bestimmt werden — aus einer Palette von 22 Farbtönen in Wolle sowie weißer Seide. Jede Entscheidung beeinflusst die nächste.
Zahlreiche Entwürfe und Knüpfbeispiele sind nötig, bis jeder individuelle Knoten die richtige Farbe hat und das Zusammenspiel aller Farben dem Original ebenbürtig ist. Dieser Prozess kann mehrere Wochen dauern. Erst wenn alle Farben zusammen lebendig wirken — wenn der Teppich auf dem Bildschirm zu atmen beginnt — ist die Vorlage fertig.
Am Ende des Prozesses stehen zwei Dokumente: das Chart, also die vollständige Knüpfvorlage, und eine Farbpalette, die zeigt, welche Wollfarbe für welches Feld auf dem Chart verwendet wird.
Im Jahr 2022 wird der Teppich in Indien produziert: von Dhanni Devi gemeinsam mit ihren drei Töchtern Meenakshi, Suman und Kiran Bunkar in einem kleinen Dorf unweit von Jaipur, Rajasthan. Der vertikale Webstuhl bietet gerade genug Platz für alle vier gleichzeitig.
Webstühle haben sich über Jahrhunderte kaum verändert. Die Werkzeuge sind dieselben geblieben: ein Metallkamm und ein stark gebogenes Messer. Die farbigen Wollknäule hängen griffbereit in Kopfhöhe. Die Knüpfvorlage ist hinter dem Webstuhl gut sichtbar befestigt — für eine bessere Handhabbarkeit in mehrere Streifen unterteilt.
Nach jeder Knotenreihe — knapp 1.000 Knoten pro Reihe — werden mehrere Schüsse über die gesamte Breite eingetragen. Das setzt voraus, dass alle vier Frauen im gleichen Tempo arbeiten. Eine stille Koordination, eingeübt über Generationen.
Interessant ist, dass die Frauen genau unterscheiden können, wer von ihnen welchen Bereich geknüpft hat. Die Hand hinterlässt ihre Spur.
Nach rund vier Monaten ist der Teppich fertig. Er wird vom Knüpfstuhl geschnitten und verlässt das Dorf — auf dem Weg zur nächsten Werkstatt.
Frisch vom Webstuhl ist die Teppichoberfläche unregelmäßig. Die Knotenenden — sie bilden den sogenannten Flor — ragen unterschiedlich weit heraus. Erst die Schur macht daraus eine weiche, leuchtende Oberfläche.
Maschinell werden alle Knotenenden auf eine einheitliche Länge geschnitten. Beim Doppelgänger jedoch soll es unterschiedliche Florhöhen geben: Die Wollbereiche sollen kürzer, die Seidebereiche länger bleiben. Deshalb wird der Flor zunächst lang gelassen — die kürzeren Partien werden später von Hand präzise geschnitten. Je kürzer der Flor, desto klarer treten die Muster des Teppichs hervor.
Ein kurzes, kontrolliertes Abbrennen der Teppichunterseite — das klingt riskant, ist aber eine bewährte Technik. Dadurch werden Verfilzungen entfernt und die Rückseite klarer. Unregelmäßigkeiten werden sichtbar und von Hand korrigiert. Dadurch verbessert sich das Knotenbild auf der Vorderseite und der Teppich gewinnt an Qualität.
Schmutz, Fusseln, Faserenden, verbrannte Partikel — nach dem Abflammen muss der Teppich gründlich gereinigt werden. Gleichzeitig wird durch das Waschen die Teppichstruktur gefestigt.
Zuerst bearbeitet eine schwere Maschine mit Walzen den Flor unter Zugabe von Wasser und Reinigungsmitteln — je nach Länge und Dichte mehrmals. Dann folgt das Handwaschen: ein arbeitsintensiver Prozess, der grundsätzlich von Männern ausgeführt wird. Mit speziellen Holzbrettern drücken sie das Wasser mit viel Kraft zu den Rändern des Teppichs, während andere ständig frisches Wasser nachschütten, bis das Wasser klar abläuft.
Zum Trocknen kommt der Teppich nach oben — auf das Dach der Werkstatt. Damit er dabei seine Form behält und das eingeknüpfte Raster möglichst rechtwinklig bleibt, wird er gespannt: Mehrere hundert Klemmen werden an allen vier Seiten fixiert und in einen Rahmen eingespannt.
Trotzdem können einzelne Linien leicht unregelmäßig sein. In diesem Fall wird mit einem spitzen Dorn und einem Hammer präzise nachkorrigiert — Millimeter für Millimeter.
Ist alles an seinem Platz, wird die Rückseite des Teppichs mit einer hauchdünnen Schicht wasserlöslichem Leim getränkt. Das gibt dem Teppich zusätzliche Stabilität, ohne seine Flexibilität zu beeinträchtigen.
Früher hatten Teppiche an Ober- und Unterkante Fransen, die seitlichen Kanten waren durch die Schüsse gesichert. Heute werden alle vier Kanten nach dem Knüpfen gerade geschnitten und von Hand mit robusten Wollgarnen eingefasst. Das verhindert Wellen und Unregelmäßigkeiten — und sorgt dafür, dass der Teppich auch nach dem Schneiden in 100 Fragmente sicher und stabil bleibt.
Das Klipping ist einer der aufwändigsten Schritte im gesamten Prozess. Mit einer leicht gebogenen Schere werden die Wollbereiche des Flors gezielt gekürzt — alle farbigen Bereiche, die dem erhaltenen Originalteppich entsprechen, sowie die schmalen Gitterlinien, die die 100 Fragmente markieren.
Allein diese Gitterlinien sind knapp 100 Meter lang. Eine wahre Geduldsprobe — und vor allem: Präzisionsarbeit.
Danach wird der Teppich gründlich gefegt. Dafür werden handgefertigte Reisigbesen verwendet — sie fehlen in keinem indischen Haushalt.
Bevor der Teppich seine Reise nach Deutschland antritt, wird er fotografisch dokumentiert. In einem großen Raum ermöglicht ein Kragarm Aufnahmen von oben — so entstehen maßstabsgetreue Bilder des rund 3 × 6 Meter großen Teppichs, auf denen jedes Detail sichtbar ist.
Der Transport nach Berlin erfordert neben sorgfältiger Verpackung zahlreiche Zollformalitäten. Und angekommen in Deutschland, geht es nicht direkt in die Ausstellung: Der Teppich muss zuerst eingefroren werden. Nur so kann ein möglicher Schädlingsbefall verhindert werden — eine Vorsichtsmaßnahme, die für alle Neuzugänge im Museum gilt. Erst danach darf er von der Restaurierungswerkstatt in die Ausstellung und schließlich auf seine Reise in die Welt.
Im Januar 2023 kommen vier Menschen im Museum für Islamische Kunst in Berlin zusammen: Anna Beselin, Teppichrestauratorin und wissenschaftliche Hüterin des Originals. Jürgen Dahlmanns von RUG STAR, Designer des Doppelgängers. Sowie Rakesh Agrawal und Rajesh Agrawal von PJ Production in Rajasthan — die Produzenten, die die Herstellung vor Ort verantworteten und koordinierten.
Für einen kurzen Zeitraum hängen der kaukasische Drachenteppich aus dem 17. Jahrhundert und sein Doppelgänger nebeneinander in der Dauerausstellung — sichtbar für alle Besucher:innen des Museums. Es ist das erste Mal, dass Original und Interpretation einander gegenüberstehen: das verbrannte, restaurierte Objekt aus dem 17. Jahrhundert und seine gespiegelte, in Seide und Wolle neu gedachte Version von 2022.
Am 23. September 2023 versammeln sich Menschen im Neuen Hof der James-Simon-Galerie zwischen Pergamonmuseum und Neuem Museum in Berlin. Was dann passiert, ist ungewöhnlich: Ein Teppich, der monatelang in Indien Knoten für Knoten entstanden ist, wird in 100 Teile geschnitten. Nicht als Zerstörung — sondern als Aufbruch.
Jedes der 100 Fragmente misst rund 60 × 30 cm. Jedes trägt einen Teil des Musters, einen Teil der Geschichte, einen Teil von über 2,3 Millionen Knoten. Und jedes beginnt von diesem Moment an seine eigene Reise — mit DHL als Versandpartner in alle Welt.
Während die 100 Fragmente 3,5 Jahre lang durch die Welt reisen, sorgt ein Team in Berlin für die Verbindung: Anna Beselin, Cornelia Weber, Farwah Rizvi und Maximilian Heiden begleiten das Projekt, kommunizieren mit den Fragmentbesitzerinnen und -besitzern auf der ganzen Welt und sammeln ihre Geschichten.
DHL als Projektpartner übernimmt den Versand — zuverlässig, weltweit, von Hand zu Hand. Bis Anfang 2027 sollen alle 100 Fragmente zurückkehren, wenn das Museum für Islamische Kunst nach seiner Renovierung wiedereröffnet. Dann werden die Geschichten, die Spuren, die Reisen — wieder zu einem gemeinsamen Teppich zusammengesetzt.
Was hier beschrieben wurde, ist mehr als ein Produktionsprozess. Es ist ein Netz aus Expertise, Geduld, Tradition und Zusammenarbeit — über Generationen, über Kontinente hinweg. Unzählige Hände haben diesen Teppich berührt, bevor er in 100 Teile geschnitten und auf die Reise geschickt wurde. Fehlt eine davon, gerät die Herstellung ins Wanken.
Und das ist heute nicht anders als vor 400 Jahren.
Begleite uns auf eine Reise mit 100 Teppichfragmenten, die dreieinhalb Jahre lang rund um die Welt reisen, vorübergehende Zuhause finden und dabei kulturelle Grenzen überbrücken. Vereint durch die Kraft persönlicher Geschichten fördern die Fragmente eine weltweite Gemeinschaft.
"CulturalxCollabs - Weaving the Future" - 1 Projekt, 100 Teppichfragmente. Folge ihrer Reise mit den immer wieder wechselnden Besitzer:innen innerhalb der nächsten 3,5 Jahre.
Ein Teppich geht auf Reisen - dreieinhalb Jahre und rund um die Welt. Erfahre hier, was es damit auf sich hat.
Ein kaukasischer Drachenteppich aus dem 17. Jh. - der Star des "CulturalxCollabs - Weaving the Future" Projekts. Aber wo ist der Drachen eigentlich?