CulturalxCollabs: Fragment No. 63 highlighted © Museum für Islamische Kunst, Heiner BüldCulturalxCollabs: Fragment No. 63 highlighted © Museum für Islamische Kunst, Heiner Büld

Cultural x Collabs - Weaving the Future

Fragment No. 63

100 Fragmente. 100 Reisen

Dies ist ein Fragment des "CulturalxCollabs - Weaving the Future" Teppichs.

Mit dem Fragment folgen wir der Reise der Besitzer:innen und ihrer Collabs. Sie entdecken und experimentieren mit gesellschaftlich relevanten Themen, die sie auf kreative Weise vorantreiben.

Hier stellen wir Euch das Fragment vor, so wie wir es auf seine dreieinhalbjährige Reise schicken.

Folg dieser Story und erleb die Transformation des Fragments im Laufe der Jahre...

...und weiter geht's...

...mit Jorge Alberto Romero Canseco

Die Gedanken des Drachen

Das Fragment #63 des Drachen-Teppichs und seine Eigenschaft als Nachbildung eines historischen Originals gaben mir den Anstoß für eine kreative Auseinandersetzung. Anstatt mich dem Werk aus der Nostalgie des Originals heraus zu nähern, beschloss ich, seinen Status als Kopie durch das Konzept der Reproduktion zu würdigen. Diese Intervention umfasste zwei Dimensionen: zum einen die Vervielfältigung des Bildes und zum anderen die Übertragung der textilen Technik.








Erste Dimension: Die Spiegelung (optische Wiederholung)

Die erste Phase bestand aus einem physikalischen Spiel mit Spiegeln, das darauf abzielte, die Geometrie des Textils in drei kreativen Übungen zu erweitern:

Die erste befasste sich mit der visuellen Vervielfältigung: Mithilfe eines Systems aus gegenüberliegenden Spiegeln wurde eine unendliche Abfolge originalgetreuer Spiegelbilder erzeugt, die die dem Konzept der Nachbildung innewohnende Reproduktion nachahmte.

Die zweite Erkundung bestand darin, mit Symmetrie und Winkelstellung zu experimentieren: Durch Variieren der Spiegelwinkel wurden die ursprünglichen Motive und Farben reproduziert, wodurch neue kaleidoskopische Kompositionen entstanden, die im physischen Werk nicht vorhanden sind, aber von ihm ausgehen, was zu optischen Wiederholungen mit neuen Dynamiken und Lesarten führte.

Die dritte Übung schließlich konzentrierte sich auf die Fragmentierung: Durch die strategische Anordnung der Spiegel gelang es, das Bild des Originaltextils zu fragmentieren und die Untereinheiten des Teppichs zu dekonstruieren, um somit kleinste Details hervorzuheben, die, einmal isoliert, eine neue ästhetische Bedeutung erhalten.

Zweite Dimension: Vom Pixel zum Faden (digitale und manuelle Reproduktion)

Die zweite Phase konzentrierte sich auf die verborgene Anatomie des Textils: seine Rückseite. Die Kehrseite des Teppichs offenbart die Ehrlichkeit des Herstellungsprozesses und die technische Struktur; zudem ist sie ein Teil, der bei der Ausstellung der Kunstwerke meist ausgeklammert wird und keine Gelegenheit hat, seine eigene Ästhetik zu entfalten.

Diese Dimension wurde in drei allgemeinen Schritten angegangen:

Begonnen wurde mit der Erfassungs- und Auswahlphase, in der ein hochauflösendes Foto der Rückseite des Textils aufgenommen wurde. Aus diesem Bild wurde ein Ausschnitt des ursprünglichen Musters ausgewählt; der gewählte Bruchteil wies eine große Vielfalt an Farben und Formen auf.

In einem zweiten Schritt...

...wurden die Daten mithilfe einer Design-Software übertragen. Das rechteckige Fragment wurde so bearbeitet, dass es in ein Modul aus farbigen Punkten umgewandelt wurde, wobei die Fäden des Teppichs als digitale Informationseinheiten neu interpretiert wurden. Jedem farbigen Punkt wurde ein Code zugewiesen, der als Grundlage diente, um sein Pendant in einer Palette von Stickgarnen zu finden.

Schließlich wurde die Reproduktion des Textilmusters umgesetzt. Das digitale Muster, das aus 10 verschiedenen Farbtönen zusammengesetzt war, diente als Vorlage für eine neue Stickerei in Kreuzstichtechnik auf Marquiset-Stoff der Stärke Nr. 20. Das Modul wurde viermal in einer horizontalen und vertikalen Spiegelanordnung wiederholt, wodurch eine verkleinerte Reproduktion eines Teils des Teppichs entstand, was durch Abstraktion und Farbe sowie durch seine eigene Rückseite zu einem neuen Dialog mit dem Originalfragment führte.















Endergebnisse

Am Projekt „CulturalxCollabs – Weaving the Future“ teilnehmen zu können und die Arbeit an diesem Werk waren eine äußerst bereichernde Erfahrung und kreative Entdeckungsreise. Indem ich das Textil nicht als statisches Objekt, sondern als Quelle neuer Bilder und Prozesse betrachtete, konnte ich die „Kopie“ als Keimzelle unendlicher visueller Möglichkeiten begreifen.

Der Übergang vom unendlichen Bild in den Spiegeln zur taktilen Präzision des Kreuzstichs schließt einen Reproduktionszyklus ab, der die Vergangenheit würdigt und zugleich eine alternative Sprache zwischen kulturellem, technischem, geografischem und historischem Dialog vorschlägt.

Mein Dank gilt dem Museum für Islamische Kunst für das Privileg, Zugang zu diesem Werk zu erhalten, und für die Offenheit, diese Interaktion zu ermöglichen, die über die bloße technische Betrachtung, die Kontemplation und die künstlerische Bewunderung hinausgeht.

...und die Reise geht weiter...

...mit Israel Gutiérrez

Große Geschichten bestehen aus Momenten und Fragmenten, so wie unser Leben an diesem neuen Wohnort Oclaro, im Stadtviertel San Martín Mexicapan, Oaxaca (eine geschlossene Wohnanlage aus 21 Gebäuden mit jeweils 16 Wohnungen), der Dank der Freunde und des Tiefbrunnens dauerhaft zu werden scheint (Monterrey-Mannheim, Barcelona-Riomaba, Dublin-Valencia, Puebla, Heidelberg, vergangene Leben liegen hinter uns). 

Der „Abend der gebratenen Bananen”

Der „Abend der gebratenen Bananen” mit Freunden lässt uns von einem langen Aufenthalt hier träumen und webt Momente der Gemeinschaft. Unvergesslich ist schon dieser Moment, mit dem ersten Funken, dann Holzkohle verwandelt in Glut, die Kochbananen mit ihren angebrannten Schalen, um sie allein oder mit Frischkäse, Streichkäse, Kondensmilch, Haselnusscreme und/oder Zimtpulver zu genießen. 

ein unerwarteter Gast

Mit vollem Bauch kann dann auch die Neugierde gestillt werden, und so wurde ein unerwarteter Gast herbeigebracht. Er kam bedeckt, begrüßte alle, sie tasteten ihn vorsichtig ab. Wer könnte er sein, was könnte er sein? Ein Puzzle, aber es klingt nicht nach Einzelteilen? Es war leicht, vielleicht ein Foto? Niemand dachte, dass es ein “Teppich” war, der aus Berlin kam, und noch weniger, dass er irgendwo im Kaukasus gefertigt worden war. Wo ist das? 

Da wir nun seine Herkunft und den Grund des Besuchs kannten, wurde er mit größerer Nähe und Vertrauen behandelt, er war nicht wie jene, die in Museen sind, und distanziert, stumm, tot, er wurde gebeten, Geschichten zu erzählen, über die anderen Teile zu sprechen, die wir nicht gesehen hatten, und wir suchten auch gemeinsamen Erfahrungen: Verbindungen.

Jeder hat zwei Namen

Unser Leben in dieser Gruppe hat, wie der Teppich, sichtbare und verborgene Teile, aber gestern haben wir uns ein bisschen besser kennengelernt; zum Beispiel haben wir unsere anderen Namen erfahren, wir lernten, dass Ivonne auch Norma ist, wie ihre Mutter, dass América auch Mayrlen ist, Francisco ist Juan - aber in Guanajuato -, Lucía ist auch Guadalupe, Luis-Enrique, María-Elena, Germán ist einfach Germán, sowie Gloria einfach Gloria ist, Franziska ist Martha und die Kinder sind Fernanda Hellie, Luis Ramón, Mateo Alejandro, Ilithia und Tobias, der seinen zweiten Namen noch nicht verraten will.

Spontan und freudig bittet jemand um ein Foto mit dem Gast, dann eine andere und dann ein oder zwei mehr, alle zusammen. Bilder - Erinnerungen an seinen Besuch, auch an die emotionalen Bindungen, die uns dazu brachten, unsere Plätze zu verlassen, zum Basketballfeld zu gehen und immer wieder Fragen zu stellen, mit ihm zu reden, bis wir ihn bei seinen zwei Namen nannten: „Teppich“ und „Dreiundsechzig“ [tépij y drai-un-céj-six].

...und weiter gehts...

...mit Robert Markens

Das Teppichfragment fordert uns auf, über Bedeutung und Sinn nachzudenken. Dabei greifen wir auf unsere eigenen persönlichen Erfahrungen mit Teppichen und auf unser Wissen über Teppiche aus anderen Kulturen und anderen Zeiten zurück. Diese Reflexion kann als eine persönliche Übung betrachtet werden, um unsere gemeinsame Menschlichkeit zu erfahren.

Dieses Teppichfragment wirft bei den Betrachtern eine Reihe von Fragen auf. Eine erste Frage, die sich vielleicht viele stellen, ist die folgende.

Wie hängen die Details dieses Fragments mit dem Gesamtdesign des Teppichs zusammen?
Sind die gewundenen Kurven in Rot und Grau Teil einer repräsentativen Landschaft oder Elemente einer Szene mit menschlichen oder anderen Figuren?
Oder sind sie Teil eines geometrischen und rhythmischen Bildfeldes, das eine optisch ansprechende und ästhetische Erfahrung bei denjenigen hervorrufen sollte, die den Teppich einst als Ganzes betrachteten?

Wer im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca lebt, denkt bei dem Teppichfragment unwillkürlich an die Tempel und Paläste von Mitla, die von den vorspanischen Zapoteken erbaut wurden, deren Nachfahren heute in der Region leben. Die Monumente von Mitla gelten als Kronjuwelen der alten zapotekischen Architekturtradition. Die aus weißen vulkanischen Tuffsteinblöcken gehauenen Monumente bestechen durch die Wiederholung kühner geometrischer Muster, die als Stufenbünde bekannt sind und die breiten horizontalen Tafeln an den Fassaden der Gebäude ausfüllen. Unter der hellen Sonne erzeugen die Tafeln mit den Stufenbünden (und zahlreichen Variationen) faszinierende visuelle Felder, die Bewunderung für die Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer hervorrufen und wiederum eine Reihe von Fragen aufwerfen: Welche Funktionen erfüllten die Gebäude? Wer bewohnte sie? Und warum das Stufenrelief? Was bedeutete es?

...und weiter gehts

...mit Franziska Neff

Herzlich Willkommen Teppichstück #63 in Oaxaca, Mexiko.

Du machst neugierig, als Fragment lädst du zum Dialog ein, deine Ränder sind offen, die weißen Flächen bieten Raum, das Fragmentarische erlaubt Verknüpfungen. Wir laden dich ein, an Realitäten hier anzuknüpfen. Du bist in der Zweigstelle des Kunsthistorischen Instituts der UNAM, der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, gelandet und musst dich sogar ganz schmal machen, damit du überhaupt durch den Eingang passt. Und damit bist du gleich mittendrin. Mitten im historischen Zentrum einer Welterbestadt, die sich zum Verkauf anbietet und mit der Gentrifizierung kämpft.

Was ist Tradition, was ist Autentizität?

Es ist durchaus symptomatisch, dass man, um den Eingang der Universität zu finden, sich erst durch einen Gang von Verkaufsständen winden muss, die seit vielen Jahren den öffentlichen Raum besetzt halten und günstig Kunsthandwerk – und als solches Deklariertes – anbieten, um einen scheinbar fast in Vergessenheit geratenen sozialen Protest zu finanzieren. Und hier genau findet sich unsere dezentralisierte akademische Einrichtung, mit dem Auftrag, Vergangenheit und Gegenwart kritisch zu reflektieren.

Was das wohl mit dir macht?

Mit einem vielschichtigen Objekt, einer Kopie (oder sollten wir nicht besser Rekonstruktion oder Neukonzeption sagen?), deren Ursprünge in geographischer und zeitlicher Ferne von hier liegen.












Aus dem Obergeschoss hast du einen freien Blick auf die Kathedrale. Sie präsentiert sich zwar als fest und sicher, hat aber aufgrund der zahlreichen Erdbeben über die Jahrhunderte schon viele Wiederaufbauten und Veränderungen erlebt. Davor das Hin- und Her, das Hier und Jetzt des Alltagslebens...








… bis die Grenzen verschwimmen.














Ruhe findest du in der Bibliothek. Deine haptischen Qualitäten bilden einen einladenden Kontrast zu der Reihung der Buchrücken und den massiven Holztischen, so wie die gepolsterten Stühle, die zum Verweilen einladen. Im Hintergrund wacht das Foto von Beatriz de la Fuente über den Bestand, der einst ihre Privatbibliothek zu altamerikanischer Kunst war und jetzt kontinuierlich für Lehre und Forschung der Institutsmitglieder erweitert wird. Da beschäftigt man sich mit Lokalem wie Felsmalereien am Istmus von Tehuantepec, zapotekischer Herrschaftssymbolik, neuzeitlichem Denkmalkult oder indigenen Blaskapellen um 1900, aber auch mit Transfer mittelalterlicher Bildmotive, Altarretabeln in Iberoamerika oder mittelamerikanischer Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Bibliothek inspiriert dazu, Welten kennen zu lernen und zu erschaffen, Geschichten zu entdecken, neu und weiter zu weben.

So wie du, der/die/das du gerade deine ureigene Geschichte webst.







Ich lade dich ein, kurz an einem Projekt des wissenschaftlichen Austauschs mitzuarbeiten, genauer an Miradas - Zeitschrift für Kunst- und Kulturgeschichte der Amérikas und der Iberischen Halbinsel. Sie wird von Miriam Oesterreich (Universität der Künste Berlin) und mir (Franziska Neff, UNAM, Oaxaca) herausgeben, ist aber ein Projekt des Instituts für Europäische Kunst der Universität Heidelberg und der Universitätsbibliothek Heidelberg.

Da sieht man schon, wie sie von Grund auf verschiedene Geographien verwebt. Ihr Name bedeutet “Blicke”, das heißt sie lädt ein, den Blick auf bestimmte Regionen zu richten – die von Deutschland aus im öffentlichen Bewusstsein eher an der Peripherie angelagert zu sein scheinen –, so wie du einlädst, dich genauer betrachten; und uns zu unterhalten, über das Gesehen zu sprechen, auszutauschen.

Genau wie die Zeitschrift, die mehrsprachig ist, mit dem Ziel, den Dialog zwischen und den Austausch über historisch wie zeitgenössisch global vernetzte Regionen zu fördern. 





Die Reise beginnt...

...mit Dr. phil. Monica Pacheco

Dieses Fragment des kaukasischen Drachenteppichs beginnt seine Reise nach Mexiko zusammen mit einem anderen Fragment, das sich in Hamburg befindet: dem Nochixtlan-Fragment. Obwohl das Nochixtlan-Fragment älter ist als der Teppich, war auch es Teil einer längeren Geschichte, die sich auf Menschen und Gebiete der Region Mixteca in Oaxaca, Mexiko, bezog.























Der Drachenteppich ist auch ikonographisch mit Mexiko verbunden, wo der Gott Quetzalcoatl, bekannt als die gefiederte Schlange, einer Drachenfigur ähnelt.









Nochixtlan Fragment, Museum am Rothenbaum (MARKK), Hamburg, Inv. No. 63.55:1
CulturalxCollabs: Fragment No. 63 © Museum für Islamische Kunst, Heiner Büld

Schau genau

Vorne und hinten

Über das Projekt

Das Projekt des Museums für Islamische Kunst "CulturalxCollabs - Weaving the Future" feiert die transformative Kraft des kulturellen Austauschs und die gesellschaftlichen Verflechtungen, die uns alle vereinen. Alles, was wir lieben, geliebt haben und jemals lieben werden, stammt aus kulturellem Austausch, Migration und Vielfalt, oder wie wir es gerne nennen, #CulturalxCollabs.

100 Teppichfragmente, aus einer Replik des ikonischen Drachenteppichs geschnitten, werden die Welt bereisen (unterwegs mit DHL). Mit Hilfe der Collab-er werden die Fragmente #CulturalxCollabs bereichern, menschlichen Einfallsreichtum inspirieren, Gemeinschaft fördern und letztendlich zeigen, wie kultureller Austausch all unsere Leben bereichert.

Folge #CulturalxCollabs online und erlebe wie sich das Projekt entfaltet...

...oder lies hier weiter

Weaving the Future

Begleite uns auf eine Reise mit 100 Teppichfragmenten, die dreieinhalb Jahre lang rund um die Welt reisen, vorübergehende Zuhause finden und dabei kulturelle Grenzen überbrücken. Vereint durch die Kraft persönlicher Geschichten fördern die Fragmente eine weltweite Gemeinschaft.

100 Fragmente. 100 Reisen

"CulturalxCollabs - Weaving the Future" - 1 Projekt, 100 Teppichfragmente. Folge ihrer Reise mit den immer wieder wechselnden Besitzer:innen innerhalb der nächsten 3,5 Jahre.

Wo ist der Drache?

Ein kaukasischer Drachenteppich aus dem 17. Jh. - der Star des "CulturalxCollabs - Weaving the Future" Projekts. Aber wo ist der Drachen eigentlich?