Shams Anwari at the exhibition opening "Language of the hand and joy of the heart", 2011. © Museum für Islamische Kunst

Die Sprache der Hand und Freude des Herzens

Geschriebene Bilder von Shams Anwari-Alhosseini

Werke und Sammlung des Meisterkalligraphen Shams Anwari-Alhosseyni

Kalligraphie, die Kunst des Schönschreibens, ist in der islamisch geprägten Welt von besonderer Bedeutung. Die Sprache und Schrift des Korans, Arabisch, umgab für viele Menschen eine Aura des Heiligen: in ihr hatte sich Gott offenbart. Die Kalligraphie entwickelte sich zunächst in der schönen Abschrift des Korans, später aber auch profanen Texten, zur ehrwürdigen Kunst unter Literaten in fast allen Teilen der islamisch geprägten Welt.

Ein berühmter Schöpfer solcher geschriebenen Bilder ist der in Deutschland lebende Meisterkalligraph Shams Anwari-Alhosseyni. Er wurde 1937 in Teheran, Iran geboren, wo er als erster Kalligraph die Akademie der Künste absolvierte. Seit 1958 lebt er in Köln und lehrt persische Literatur und islamische Kalligraphie an der dortigen Universität. Seit Jahrzehnten erforscht er die Möglichkeiten des geschriebenen Wortes und schafft Werke, die in den klassischen Traditionen der persischen Kalligraphie verwurzelt sind und zugleich eine ganz eigene künstlerische Sprache entwickeln.

Shams Anwari-Alhosseini:

"Ich war acht Jahre alt, als mein Vater im Süden von Teheran eine Schule erbaute. Eines Tages kam ein älterer Herr zu Besuch. Er packte seine Sachen aus und mein Vater diktierte ihm „meide diejenigen, zu denen du gut gewesen bist“. Die Art und Weise wie dieser Meister die dicke Feder zurecht machte, die Tinte mischte und wie er eine Art Siegel an der neu errichteten Schule anbrachte, hat mich so fasziniert, dass dieses Siegel nicht nur der Stirn des Schulgebäudes, sondern auch meinem Herz eingedrückt wurde. Der Meister fertigte mir sofort eine Feder und seitdem übte ich fieberhaft. Ich beschäftige mich seit ungefähr 67 Jahren damit."






Shams Anwari-Alhosseyni steht in einem für die klassisch-islamische Kalligraphie typischen Spannungsverhältnis zwischen Imitation und Innovation. Den alten Schulen und Meistern verbunden, erfindet er immer wieder neue Sprachbilder – allein das Wort ‚Liebe’ hat er in Dutzenden Formen variiert. 

Shams Anwari ist wie viele seiner Vorgänger durch die mystische Dimension des Islams inspiriert, bei der die Einheit mit Gott jenseits der buchstabengetreuen Textauslegung durch die Hingabe des Herzens gesucht wird. Herz und Hand gehören für ihn zusammen. Kalligrafie beschreibt er mit den Worten: "Kalligraphie ist etwas Schönes, die Schönheit, und die Schönheit verbindet man mit Gott. Es muss dich zu rühren, dich bewegen. Für mich ist es wie atmen, wenn ich nicht atme, dann lebe ich nicht." 

Seine Texte stammen oft aus der Dichtung oder religiösen Texten unterschiedlicher Art. Auf die Frage, was Betrachtende von einer Kalligrafie hat, deren Inhalt sie nicht verstehen, betont Anwari, „Schön ist schön und man muss es auf sich wirken lassen.“, während er zugleich darauf besteht, dass Bedeutung und visuelle Form untrennbar miteinander verbunden bleiben müssen: Beides muss Hand in Hand geschehen.





Shams Anwari at the exhibition "Language of the hand and joy of the heart", 2011© Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Anwaris Interpretation klassischer persischer Dichtung

Besuch einer Taverne (Hafis, 2012)

Diese Komposition basiert auf dem Ghazal 347 aus dem Diwan des Hafis (Ausgabe von Khanlari). Anwari strukturiert das Werk durch Umkehrung und Unterbrechung. Jede zweite Zeile ist spiegelverkehrt geschrieben, sodass Betrachtende die Seite drehen müssen. Der Wechsel zwischen schwarzer und blauer Tinte erzeugt eine visuelle Spannung zwischen Präsenz und Umkehrung. Die blauen Zeilen bilden vollständige Bayts (Verse), ebenso die schwarzen Zeilen, die wiederum eigene, in sich geschlossene Bayts formen. Anwari schreibt eine Auswahl von vier Bayts aus einem längeren Ghazal (lyrisches Gedicht) von insgesamt neun Versen.

Das Gedicht selbst kreist um Unmittelbarkeit, Widerspruch und Handlung. Anwari visualisiert die im Gedicht angelegten Widersprüche. Seine Kalligrafie funktioniert wie eine visuelle Übersetzung des ursprünglichen Ghazals und widersetzt sich sowohl dem Lesen als auch der Übersetzung – gerade durch die Art und Weise, wie die einzelnen Bayts aufgespalten und neu angeordnet werden.

Das Ghazal wird visuell auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Einzelne Verse werden getrennt, umgekehrt und über die Seite verteilt neu angeordnet. Das Lesen wird instabil, und Bedeutung entsteht erst durch die körperliche Auseinandersetzung mit dem Werk.

Ausgewählte Verse aus dem Ghazal 347 aus dem Divan des Hafez nach Anwari

1 حالیا مصلحت وقت در آن می‌بینم

که کشم رخت به میخانه و خوش بنشینم


Transliteration: hāliyā, maṣlahat-e vaqt dar ān mībīnam

Ke kasham rakht be mey-khane o khosh be-neshīnam

DE: Gegenwärtig erkenne ich das Heil der Zeit darin, meine Sachen ins Weinhaus zu schleppen und mich dort gemütlich niederzulassen.


2 جام می‌گیرم و از اهل ریا دور شوم

یعنی از اهل جهان پاک‌دلی بگزینم


Transliteration: Jām-e mey gīram o az ahl-e rīyā-duōr shavam

ya’nī āz ahl-e jahān pākdelī bogzīnam

DE: Den Weinbecher ergreife ich, und von den Heuchlern halte ich mich fern, das heißt: aus der Weltschöpfung wähle ich die Herzensreinheit.


1 جز صراحی و کتابم نبود یار و ندیم

تا حریفان دغا را به جهان کم بینم


Transliteration: Joz ṣurāḥī o ketābam nabavad yār o nadīm

tā harīfān-e daghā-ra be jahān kam bīnam

DE: Außer einer Karaffe und dem Buch habe ich keinen Freund und keinen Kumpan,

seit ich die Schurken dieser Welt seltener sehe.


2 بر دلم گرد ستم‌هاست خدایا مپسند

که نکدر شود آیینه مهرآیینم


Transliteration: bar delam gard-e setamhāst khodāyā mapasand

ke mukaddar shavad āyīne-ye mehrāyīnam

DE: Auf meinem Herzen liegt Staub der Gewalttaten,

oh Gott lass nicht zu, dass mein sonnenhafter Spiegel trüb werde.


Deutsche Übersetzung: Joachim Wohlleben

Karawane des Lebens (Khayyam, 2012)





In diesem Werk scheinen Anwaris Pinselstriche die Bewegung einer sich windenden Gewitterwolke widerzuspiegeln; sie erzeugen einen visuellen Eindruck von Vergänglichkeit und Dynamik, der mit der Reflexion des Gedichts über die Vergänglichkeit des Lebens harmoniert. Die in kastanienbrauner Tinte und Nastaliq-Schrift auf hellgrünem Papier ausgeführte Komposition basiert auf einem Vierzeiler des Dichters Omar Khayyam:


Ach, die Karawane des Lebens zieht rasch vorbei,

erfasse den Augenblick, der mit Freude weilt. (Anwari)

 










Omar Khayyam (11th century), 1391/2012. Shams Anwari, siyāh mashq, Nastaliq; chestnut-brown ink on light green paper. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Vers von Omar Khayyam nach Anwari

Literarische Quelle: Omar Khayyam

این قافله ی عمر عجب می گذرد

دریاب دمی که با طرب می گذرد

Transliteration:

īn qāfele-ye ‘omr ‘ajab mīgozarad

Darīāb damī ke bā ṭarab mīgozarad

DE (Anwari):

Ach, die Karawane des Lebens zieht rasch vorbei,

erfasse den Augenblick, der mit Freude weilt.

 

Edierte Quellen und veröffentlichte Übersetzungen:

Khayyam, Omar. The Rubā’iyat of Omar Khayyam: Being a Facsimile of the Manuscript in the Bodleian Library at Oxford, Translated and Edited by Edward Heron-Allen. London: H.S. Nichols, 1898. (S. 11, Gedicht 60).

 

Shams Anwari, 2011. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Die Entwicklung der Kalligrafie

Die persische kalligrafische Tradition, der Anwari angehört, entstand aus Jahrhunderten künstlerischer Verfeinerung. Die erste Formulierung der wichtigsten Schreibstile fand in der Weltstadt Bagdad im 10. und 11. Jahrhundert statt. Besondere Bedeutung kommt dem Minister Ibn Muqla zu (gest. 939/940). Ihm ist die Standardisierung der verschiedenen Schriftsysteme zu verdanken, die auf der Proportionalität der rhombischen Punktform basiert, wie sie mit der Rohrfederspitze gezogen werden kann. Dieses System wurde zur Grundlage vieler der bedeutenden kalligrafischen Stile, die daraus hervorgingen.

Unter den verschiedenen Stilen (eckige, runde etc.), die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, sind für das Persische vor allem die „hängende“ und die „gebrochene“ Schrift verwendet worden. Der „hängende“ Duktus, die leichte und elegante Kursivschrift Nastaliq, wurde zum ersten Mal durch den Kalligraphen Mir Ali al-Herawi (gest. 1446-7) zur Vollendung gebracht. Ihn nannte man liebevoll den Vater des Nastaliq. Noch berühmter wurde Mir Emad al-Hasani (1554-1615), der am Hofe des Safavidischen Schah Abbas in Isfahan tätig war. Von ihm sagen Kenner, er habe den besten Nastaliq geschrieben.

Andere Formen, darunter Tschalipa, bei denen Gedichtverse diagonal „über Kreuz“ angeordnet werden, Siahmashq („Tintenübung“), geschriebene Wiederholung von denselben Wörtern bzw. Versen, sowie die ausdrucksstarke Schekasteh-Schrift („gebrochen“), erweiterten die visuellen Möglichkeiten der Schrift und prägen zeitgenössische Kalligraf:innen bis heute. Seit dem 18. Jahrhundert ist im Iran aber auch die gebrochene Schrift, das Schekasteh, beliebt, bei dem der Schwung der Feder zeitweise mitgeschrieben wird und sich – ähnlich wie in der stenographischen Schrift - eigentlich getrennt geschriebene Buchstaben in einer Linie fortlaufend entwickeln. Diese traditionellen Formen wirken in Anwaris Werk weiterhin fort.

Anwari's Werke in Nastaliq und Tschalipa Schrift

Er nahm die Schreibfeder. (Anwari, 2015)










In dieser Komposition verwendet Anwari die Nastaliq-Schrift und schafft ein visuelles Wortspiel. Die Zeile stammt aus dem Werk des Dichters Anwari (12. Jahrhundert) und thematisiert das Schreiben sowie das schnelle Schreiben. Die kreisförmige Anordnung der Kalligrafie erweckt den Eindruck einer Drehbewegung und spiegelt visuell den spielerischen Ausdruck „ farfar farū nevesht “ wider. Die Lautwiederholung von „farfar“ evoziert die Bewegung eines Kreisels oder Windrads (Steingass, 920), wodurch die Dynamik des Gedichts und die Bewegung der Schreibfeder in der Komposition miteinander verschmelzen.






Anwari (12th century), 1394/2015. Shams Anwari, Nastaliq; blue ink on white paper. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Vers von Awhad al-Din Mohommad Anwari nach Anwari

Literarische Quelle:

Awhad al-Din Mohommad Anwarī (12th c.)

Persisch:

بر داشت کلک و کاغذ و فرفر فرونوشت

Transliteration:

bar dāsht kalak-o kāghaz-o farfar farū nevesht

DE:

Er nahm die Schreibfeder und das Papier und schrieb geschwind nieder.

Liebeskummer durch Trennung (Rumi, 1994)

Anwari visualisiert den Inhalt der in diesem Werk kalligrafierten Zeilen. Die Komposition präsentiert wiederholte Buchstabenkombinationen – ähnlich dem Genre des Siyah Mashq („schwarze Übung“) –, wodurch die poetischen Zeilen beinahe unleserlich werden. Dennoch wirkt sie nicht gänzlich unleserlich, sondern vielmehr wie eine visuelle Übersetzung des literarischen Inhalts.

Die übereinandergelegten Striche und wiederholten Buchstabenkombinationen evozieren womöglich die Bildsprache der Gedichtzeile: sīne khāham sharh-e sharh-e… („Ein Herz verlange ich, von der Trennung wund…“). Durch die Wiederholung von sharh-e sharh-e – ein rhetorisches Stilmittel, bekannt als takrār – verwandelt Anwari die Sprache der Sehnsucht und Trennung in ein visuelles Erlebnis. Die fragmentierten und sich überlagernden Formen der Kalligrafie spiegeln die emotionale Intensität von Rumis Worten wider und vereinen so poetische Bedeutung mit visuellem Ausdruck.

Rumi (13th century), 1373/1994. Shams Anwari, chalipa, Nastaliq; ochre and green ink on light green paper. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Vers von Jalal al-Din al-Rumi nach Anwari

Literarische Quelle:

Jalal al-Din al-Rumi, masnavi; ME 1:3 Meter: ramal

Persisch:

سینه خواهم شر حه شرحه از فراق تا بگویم شرح د رد آشتیاق

Transliteration:

sīne khāham sharh-e sharh-e āz ferāq tā beguyām sharh-e dard-e eshteyāq

DE (Anwari):

Ein Herz verlange ich, von der Trennung wund,

damit ich die Geschichte meines Sehnsuchtschmerzes erzähle.

Anwari's Werke in Schekasteh-Schrift

Schrift als Bewegung (Hafez, 2006)

Dieses Beispiel von Anwari zeigt einen klassisch geschriebenen Vers eines klassischen Dichters in Schekasteh-Schrift. Die Komposition offenbart die enge Verbindung zwischen Auge und Ohr in der persischen Kunsttradition, in der Dichtung und Kalligrafie als miteinander verknüpfte Ausdrucksformen fungieren. Als Auszug aus einem längeren Ghasel veranschaulicht die Komposition visuell die rhythmische Struktur eines einzelnen Bayt (Verspaars). Die wiederkehrenden Laute chō und sowie ghan-che und hamchō erzeugen ein visuelles Echo innerhalb der Komposition. Obwohl sie sich nicht reimen, schaffen diese wiederkehrenden Laute eine innere Harmonie, die Anwari in die visuelle Sprache der Kalligrafie übersetzt.

Hafez (14th century), 1385/2006. Shams Anwari, shekasteh; chestnut-brown ink on white paper. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Vers 5 aus Ghazal 269 des Divans von Hafez nach Anwari

Persisch:

چو غنچه گر چه فروبستگی‌ست کارِ جهان

تو همچو بادِ بهاری گره‌ گشا می‌باش

Transliteration:

chō ghan-che gar che furūbastegī-st kār-e jahān

tō hamchō bād-e bahārī gareh gushā mībāsh 

DE (Anwari):

Wenn auch das Weltwesen, wie eine Knospe verschlossen ist,

sei du, wie eine Frühlingsbrise: Knotenlöser. 


Literarische Quelle: KH: pg 554, ghazal 269, bayt 5; R: 370: ghazal 274, bayt 5

Werkzeuge und Praxis


Die spirituelle Dimension des Schreibens ist ein zentraler Bestandteil von Anwaris künstlerischem Schaffen. Dies zeigt sich besonders deutlich in seinem Werk, das vom Eröffnungsvers der Sure al-Qalam im Koran inspiriert ist. Der Schreibfeder kommt in der islamischen Geistes- und Kunstgeschichte eine herausragende Bedeutung zu, da sie sowohl Wissen als auch Schöpfung symbolisiert. Durch die Kalligrafie wird das geschriebene Wort zu einem Akt der Reflexion, der Hingabe und des künstlerischen Ausdrucks.


Anwaris Schreibfeder Sure 68:01:

نٓ ۚ وَٱلْقَلَمِ وَمَا يَسۡطُرُونَ

„N“ - Bei der Schreibfeder und was man damit schreibt.



Qur’an, Surat al-Qalam 68:1, 1385/2006. Shams Anwari, Nastaliq; chestnut-brown ink on light green paper. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Kalligraphen schnitzen ihre Feder (Qalam) meist selbst. Dazu wird die Spitze eines Bambusrohres von unten konkav ausgeschnitten und die Spitze mithilfe einer harten und leicht gerundeten Unterlage wagerecht abgeschnitten.

Auch die Tinten werden von ihnen selbst hergestellt, für die Galläpfel, Gummi Arabicum, Ruß und Kupfersulfat vermischt werden. Wertvolle Tinten enthalten Lapislazuli, Safran, Walnuss oder gar Goldpulver und ergeben so die entsprechenden Farbtöne. Die Tinte wird getrocknet mit einem kleinen Löffelchen in ein Tintenfässchen gegeben und dort – wenn man etwas auf sich hält - mit Rosenwasser verflüssigt. Damit der Kalligraph bei jedem Eintauchen der Feder die richtige Menge Tinte entnimmt, wird ein kleines Knäuel Seide in das Fässchen eingetaucht, das sich praktisch als Dosierschwamm vollsaugt.

In einem entsprechenden ‚Griffelkasten’ (Qalamdan), finden meist auch das Löffelchen, das Messer, kleine Gewichte und ein Tintenfässchen Platz.







Mehrere von Anwaris Kompositionen verwenden satte kastanienbraune und leuchtend blaue Tinten, was darauf hindeutet, dass einige dieser Farben vom Künstler selbst hergestellt wurden.


Eine Perle, größer als das Meer (Rumi, 2012)

In diesem Werk verbindet Anwari die Bildsprache des Siyah Mashq („schwarze Übung“) – mit ihrer charakteristischen Wiederholung von Wörtern und Buchstabenformen – mit einem rubaʿi (Vierzeiler) von Dschalal ad-Din Rumi. Die Komposition scheint sich von ihrem Zentrum aus nach außen zu entfalten und erzeugt so ein Gefühl der Ausdehnung, das mit den im Gedicht wiederkehrenden Metaphern von Grenzenlosigkeit und Transzendenz korrespondiert.

Anstatt den Text lediglich zu illustrieren, übersetzt Anwari dessen poetische Struktur in eine visuelle Form. Jede Zeile geht vom Zentrum der Komposition aus und spiegelt die wiederkehrende Aussage des Gedichts wider, dass der Adressat (das „Du“) jedes Maß der natürlichen Welt übersteigt: ein Mond, zu gewaltig für den Himmel; Wasser jenseits des Oxus (Jayhun); eine Perle, größer als das Meer; und ein Berg, zu riesig für die Wüste. Die Wiederholung von Wörtern und Formen schafft einen visuellen Rhythmus, der die Reflexion des Gedichts über das Unermessliche unterstreicht.





Rumi (13th century), 1391/2012. Shams Anwari, siyāh mashq, chalipa, Nastaliq; blue ink on light green paper. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

Verse von Nezami nach Anwari

Literarische Quelle:

Jalāl al-Din al-Rumi

Sekundärquellen:

Lewis, Franklin. Rumi, Past and Present, East and West: The Life, Teachings and Poetry of Jalāl al-Din Rumi. London: One World, 2000.

Lewis, Franklin. Rumi, Swallowing the Sun: Poems Translated from the Persian. London: One World, 2013. 

 

Persisch:

 تو آن ماهی که در گردون نگنجی

تو آن آبی که درآبی که در جیحون نگنجی


تو آن دری که از دریا فزونی

تو آن کوهی که در هامون نگنجی   


Transliteration:

tō ān māhī ke dar gardūn nagunjī

tō ān ābī ke dar jayhūn nagunjī

 

tō ān durrī ke az daryā fuzūnī

tō ān kūhī ke hāmūn nagunjī

 

DE (Anwari):

Du bist jener Mond, der nicht in das Himmelsgewölbe passt.

Du bist jenes Wasser, das nicht in den Oxus passt.

Du bist jene Perle, größer als das Meer.

Du bist jener Berg, der nicht in die Wüste passt.

 

Eine lebendige Tradition



Ausgewählte Werke von Shams Anwari-Alhosseyni werden ab Juni 2027 im Raum "Mit sicherer Hand und feinem Pinsel | Buch- und Schriftkunst gestern und heute" neben Meisterwerken historischer Kalligrafen im Museum für Islamische Kunst ausgestellt und so eine zeitgenössische Interpretation sowie die Fortführung einer kalligrafischen Tradition sichtbar machen, die mehr als tausend Jahre umspannt.

Co-Autoren

Basierend auf dem originalen kuratorischen und kontextuellen Text von Prof. Dr. Stefan Weber. Redaktionelle Bearbeitung und Adaption des Textes für die Veröffentlichung von Farwah Rizvi. Recherche, Analyse und Übersetzung der persischen Gedichte sowie ihrer visuellen Bezüge zu Anwaris Kompositionen von Dr. Margaret Shortle.

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