de
Iran ist ein großes und ökologisch vielfältiges Land, das sich über das iranische Hochland in West- und Zentralasien erstreckt. Die im Norden gelegene Region Gilan, die sich an die Südküste des Kaspischen Meeres schmiegt, profitiert beispielsweise von einem üppigen humiden Klima, das ideal für den Anbau von Reis und Tee ist. Dies steht im starken Kontrast zu den zentralen Wüstenregionen nahe Yazd, wo robuste und zugleich kulturell wichtige Nutzpflanzen wie Pistazien und Granatäpfel gedeihen.
Diese Vielfalt der Landschaft hat das iranische Leben geprägt – von der Landwirtschaft, der Ernährung bis hin zur Architektur. Diese Zusammenhänge werden in den Fotografien des deutschen Geographen Eugen Wirth lebendig, der Anfang der 1970er-Jahre durch den Iran reiste. Dieser Artikel erkundet durch seine Linse, wie eng Irans Land und Kultur miteinander verwoben sind.
Eugen Wirth (1925–2012) war ein wegweisender Kulturgeograph und von 1964 bis 1991 Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg. Mit einem Schwerpunkt auf Nordafrika und dem Nahen Osten bereiste er die Region ausgiebig und erforschte die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt mit seiner Fotografie.
Wirths tiefes Interesse an Kultur und Geographie wird in seinen Fotografien deutlich, die heute Teil der Sammlung des Museums für Islamische Kunst in Berlin sind. Die Aufnahmen, die während seiner Reisen durch Iran in den frühen 1970er-Jahren entstanden, fangen die beeindruckende landschaftliche Vielfalt des Landes ein.
Neben seinem geographischen Interesse dokumentierte Wirth auch den Alltag – von Bauern auf den Feldern und Hirten mit ihren Herden bis hin zu Handwerkern bei der Arbeit. Seine Fotografien zeigen, wie die vielfältige Landschaft Irans das Leben, die Ernährung und die Bauweise der Menschen prägen.
Bäuerinnen arbeiten auf einem Reisfeld in Süd-Iran.
Hirte lässt seine Herde weiden.
Bauern pflügen das Land mit ihrem Vieh.
Die majestätischen Gebirgsketten des Zagros und des Elburs prägen weite Teile des Landes, während das zentrale Hochplateau von zwei riesigen Wüsten dominiert wird: Dasht-e Kavir (Große Salzwüste) und Dasht-e Lut (was so viel wie „Leere Ebene“ bedeutet), wobei letztere zu den heißesten Orten der Erde zählt. Im Norden erstreckt sich die üppige Kaspische Meeresregion, die einen starken Kontrast zum trockenen Landesinneren bildet. Im Süden bilden der Persische Golf und der Golf von Oman strategisch wichtige Küstenlinien mit Inseln wie Kisch und Qeshm.
Blick auf den Berg Damavand in Nord-Iran.
Berglandschaft in Nord-Iran.
Blick in die Dasht-e Kavir (Große Salzwüste)
Persischer Golf
Eugen Wirths Fotografien dokumentieren die Vielfalt der Bautechniken im Iran, insbesondere im Hinblick auf Wassersysteme und lokale Wohntraditionen. Sie zeigen, wie architektonische Praktiken an die unterschiedlichen Klimazonen angepasst wurden. Dieser Abschnitt vereint Bilder aus zwei Regionen: der regenreichen Kaspischen Region, deren Häuser an die hohe Luftfeuchtigkeit angepasst sind, und der trockenen Zentralwüste, deren Siedlungen von extremer Trockenheit und Oasen geprägt sind.
Teile der heutigen iranischen Provinzen Gilan, Mazandaran und Golestan bilden die Kaspische Meeresregion. Die Architekten verwenden hier vorwiegend lokale Materialien. Die Provinz Mazandaran beispielsweise gliedert sich in drei Hauptzonen: Gebirge, Vorgebirge und Ebene. In den Gebirgen werden häufig Stein und Holz verwendet, während in den Küsten- und Tieflandgebieten Holz und SChlamm die wichtigsten Baumaterialien sind. Da der Reisanbau im Norden Irans weit verbreitet ist, spielt Stroh eine wichtige Rolle in der lokalen Architektur.
Das Klima in der Kaspischen Region zeichnet sich durch heiße, feuchte Sommer und kalte, nasse Winter aus. Um Häuser vor Feuchtigkeit zu schützen, werden sie oft auf Plattformen und Holzpfählen über dem Boden errichtet. Diese erhöhte Konstruktion hält die Wohnräume trocken, da der Kontakt mit dem feuchten Erdboden vermieden wird und Luft unter dem Gebäude zirkulieren kann. In vielen Fällen dient der Raum unter dem Haus auch als Tierunterstand, was der Bauweise auch einen praktischen Nutzen verleiht. Dächer in Meeresnähe sind häufig mit vierseitigen Walmdächern versehen, sodass Regenwasser an allen Seiten ablaufen kann und das Risiko von eindringendem Wasser in die Decke verringert wird.
An der Außenseite dieser traditionellen Häuser sind Öffnungen in den Wänden eingelassen, um eine optimale Querlüftung im Inneren zu gewährleisten. Zusätzlich verhindern umlaufende Balkone das Eindringen von Regenwasser.
In den letzten Jahrzehnten haben sich Ziegel als gängiges Dachmaterial etabliert. Die Bauweise mit den steilen Dächern und ihren weit überstehenden Traufen ist erhalten geblieben.
In den zentralen Wüstenregionen ist Lehm das wichtigste Baumaterial. Mit Wasser vermischt und zu Ziegeln geformt, trocknet und härtet er auf natürliche Weise durch die intensive Wüstensonne. Diese traditionelle Methode, die sich hervorragend für das trockene Klima eignet, hat die charakteristische Lehmziegelarchitektur hervorgebracht, die man beispielsweise in Städten wie Yazd findet. Die Gebäude werden mit dicken Lehmziegelwänden errichtet, die die extreme Hitze abmildern und für ein angenehmes Raumklima sorgen.
Wassergewinnung und Wasserspeicherung stellen in Wüstenregionen große Herausforderungen dar. Durch die ausgeklügelte Nutzung von Qanaten – unterirdischen Wasserkanälen – wird Wasser in die Siedlungen geleitet. Diese Systeme ermöglichen Leben, Landwirtschaft und sogar die Anlage von Gärten in der trockenen Landschaft.
Ein Qanat ist ein ausgeklügeltes Wasserleitungssystem, das in Iran und Zentralasien seit Jahrtausenden Anwendung findet. Sie bestehen aus einer Reihe vertikaler, brunnenartiger Schächte, die durch einen flach abfallenden unterirdischen Tunnel miteinander verbunden sind. Dieses System ermöglicht es, Grundwasser aus natürlichen Wasserspeichern (Grundwasserleitern) über unterirdische Aquädukte an die Oberfläche zu transportieren, ohne dass Pumpen benötigt werden.
Der Fin-Garten, heute eine bekannte Touristenattraktion, liegt südöstlich von Kaschan. Er wurde ursprünglich im 17. Jahrhundert von den Safawidenherrschern angelegt. Auf einem Foto aus dem Jahr 1998 sind deutlich weniger Touristen zu sehen als auf einem heutigen. Im Zentrum des Gartens steht ein zweistöckiger Pavillon, vor dem sich ein rechteckiges Wasserbecken befindet. Eine natürliche Quelle speist die vier Hauptwege des Gartens, die alle über das Qanat-System mit Wasser versorgt werden.
Ein Weg entlang der Quellkanäle verbindet den Pavillon mit dem Haupteingang und schafft so eine harmonische Gliederung des Gartens. Diese Art der Gartengestaltung ist als Chaharbagh (vierteilige Gartenanlage) bekannt. Im Sommer glitzern die mit türkisfarbenen Fliesen ausgekleideten Becken wie Juwelen im duftenden Schatten der Bäume.
Begib dich im Tour-Modus ins Kapitel "Lebenselexier Wasser - kein Garten ohne Wasser, kein Wasser ohne Leben". Hier geben Expert:innen wie Stefan Weber spannende Einblicke in die historische Ingenieurskunst: Er erklärt, wie traditionelle Wassersysteme - von unterirdischen Qanaten bis zu Bewässerungstechniken - funktionierten und welche kulturelle Bedeutung sie für die Anlage und Pflege von Gärten hatten.
Wie konnten Gebäude während der intensiven Sommerhitze kühl bleiben? Eine Lösung war die Schaffung natürlicher Luftzirkulation. Neben dem ausgeklügelten Qanat-System ist der Badgir (Windturm) ein weiteres prägendes Merkmal iranischer Architektur. Ein Windturm dient als passives Luftzirkulationssystem: Wenn seine offene Seite dem vorherrschenden Wind zugewandt ist, fängt er den Luftstrom ein und leitet ihn nach unten ins Innere des Gebäudes.
Windtürme sind hohe Türme, die auf den Dächern von Häusern, Wasserreservoirs und anderen Bauwerken errichtet wurden, insbesondere in Wüstenstädten wie Kaschan. Sie leiten frische Luft in die unteren Stockwerke und Keller und tragen so zur Kühlung der Innenräume bei – lange vor der Erfindung moderner Klimaanlagen. Oft wurden früher auch verderbliche Lebensmittel unter Windtürmen gelagert, um sie kühl zu halten, bevor Kühlschränke verfügbar waren.
Ein Windturm besteht im Wesentlichen aus einem schmalen, senkrechten Turm mit Öffnungen am oberen Ende, die zum vorherrschenden Wind ausgerichtet sind. Beim Einströmen der Luft entsteht durch Druckunterschiede ein natürlicher Luftzug, der warme Luft nach oben und aus dem Gebäude befördert. Die Innenflächen sind oft mit feuchten Materialien wie Stroh oder Stoff ausgekleidet, die die Luft durch Verdunstung zusätzlich abkühlen. Diese Methode kann die Innentemperaturen deutlich senken, insbesondere in heißen und trockenen Klimazonen. Windtürme sind auch in der Golfregion weit verbreitet, wo die Lüftungsanlagen zum Meer hin ausgerichtet sind, um die durch die Gezeitenströmung erzeugten, vergleichsweise kühlen Luftströme zu nutzen.
Die meisten Fotos in diesem Artikel stammen aus der Sammlung von Eugen Wirth (1925–2012), die über eine Datenbank zugänglich ist. Die Datenbank ist Teil des Projekts „Crossroads Iran (ایران: محل تلاقی)“, das von der Ludwig-Stiftung über die Freunde des Museums für Islamische Kunst gefördert wird.
Shunhua Jin ist Alexander-von-Humboldt-Stipendiatin am Museum für Islamische Kunst. Ihre Forschung befasst sich mit islamischer materieller Kultur in China, insbesondere mit Moscheen. Sie beschäftigt sich außerdem mit der Ikonografie persischer Keramik und Buchkunst sowie deren Bezug zur ostasiatischen Kunst. Sie studierte an der Universität Teheran und bereiste 2019/2020 den Iran.
Das Museum für Islamische Kunst widmet sich seit über 10 Jahren der Erforschung der Lüsterkeramik. Durch Ausstellungen, Forschung und Workshops wird versucht ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Diese Geschichte führt uns zurück nach Kashan um die enge Verbindung zwischen dessen Keramik-Erbe und dem Museum zu untersuchen.
Eine Diskussion über Shadi Ghadirians Qadscharen-Serie, Fotografie im Iran, Identität und die Auseinandersetzung des Publikums mit ihrer Kunst.
In dieser Geschichte über Provenienzforschung erzählen wir von einer Fliese, die vermutlich in den Werkstätten von Kaschan gefertigt wurde, über Spanien reiste und schließlich ihren Weg in die Berliner Sammlung fand.
Erforschung weiblicher Formen und überirdischer Elemente in der Malerei der Qadscharen-Ära des 19. Jahrhunderts.
Wie erfolgt die Digitalisierung eines persischen Manuskripts, das wahrscheinlich aus dem frühen 19. Jahrhundert in Nordindien stammt?