unvergesslich.jpgPlaster cast of the arm of Laocoon © Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei, Illustration: Katja Böhlau

un:vergesslich

Manche Fragmente sind mit Erinnerungen besetzt, die wir festhalten wollen. Auch in Museen finden sich solche Bruchstücke der Vergangenheit. Manchmal jedoch fehlen Teile und andere werden hinzugefügt. So können neue Geschichten entstehen.

Hinter den "Un:worten" stehen Geschichten, die Fragen um Zerteilung und Ergänzung, Bewahren und Zerstören, Erinnerung und Vergessen vertiefen. Entstanden sind sie im Rahmen der Sonderausstellung In:complete. Zerstört Zerteilt Ergänzt, zu sehen in der Kunstbibliothek (30.09.2022 bis 15.01.2023). Diese vereint Exponate aus 23 musealen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von der Prähistorie bis in die Gegenwart.

un:sicher Wie kann das Museum seine Kunstwerke vor Zerstörung bewahren? un:wichtig Was sammelt ein Museum und wie bewahrt es die Objekte für zukünftige Generationen? un:echt Gibt es im Museum nur Meisterwerke und authentische Zeugnisse der Vergangenheit zu sehen? un:sichtbar Wann gilt ein Kunstwerk als vollendet? un:brauchbar Was macht das Sammeln aus den Objekten und nach welchen Kriterien erfolgt ihre Musealisierung? un:vergesslich Wie verstehen wir Kunst im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit?

Kanne_Text.jpgFoto: Katja Böhlau
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Und wie sieht es in der Kunstgeschichte aus?

Gebrochene Geschichten

Die Laokoon-Gruppe gehört zu den bekanntesten antiken Bildwerken überhaupt und ist heute im Vatikan zu bewundern. Sie zeigt eine mythologische Szene in der Laokoon, ein Priester aus Troja, und seine beiden Söhne von Seeschlangen angegriffen werden. Geschickt wurden die Schlangen von einem Gott als Strafe. Wofür? Da gibt es mehrere Versionen: In einigen Geschichten ist es die Strafe für seine Hochzeit und damit die Nichteinhaltung des Zölibats. In anderen Berichten wird sie mit der Geschichte um das Trojanische Pferd in Verbindung gebracht, dessen Betrug Laokoon erkannt hatte.

Laocoon and his sons, replica after the Hellenistic original of 200 BC, found in Rome in 1507, Museo Pio-Clementino, photo: Marie-Lan Nguyen – CC0

Kraftvoll oder erschöpft?

Wenn ein Fragment das Männlichkeitsbild verändert…

Die Laokoon-Gruppe entdeckte man rund 1500 Jahre nach ihrer Entstehung 1506 in Rom. Allerdings gab es eine Leerstelle: Der rechte Arm fehlte und bot so Raum für Interpretationen.

1532 wurde er durch den Renaissancebildhauer Montorsoli mit einem kraftvoll ausgestreckten Arm, der die Schlange vom Körper fernhält, ergänzt. 1903 jedoch fand man den originalen Arm, der nicht erhoben, sondern angewinkelt ist.

Und dann?


Mehrere hundert Jahre prägte der ausgestreckte Arm die Gesamterscheinung der Skulptur. Dann tauchte das "Original" auf und es wurde nachvollziehbar, wie der antike Künstler den Laokoon konzipiert hatte. Was macht das mit der Interpretation der Renaissance?

Aus dem auch im Kampf noch kraftvoll erscheinenden Mann wurde ein weniger heroischer Laokoon: ein Mann, der vielmehr erschöpft ist und beinahe schon besiegt.

Heute sind beide Versionen in der Öffentlichkeit präsent. Vor allem über Gipsabgüsse.

Fragmente aus Gips

In der Gipsformerei …

der Staatlichen Museen zu Berlin werden beide Fassungen der Laokoon-Gruppe aus Gips angeboten. Und nicht nur diese, auch Fragmente, wie die Büste des Laokoon, die Köpfe seiner Söhne oder ein Akanthusblatt des Priesters kann man dort aus Gips bestellen.

Kunstwerke oder auch Teile von ihnen werden so vervielfältigt und können in andere Kontexte gelangen. Möchtest du auch einen Arm des Laokoon haben?

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Bust of Laocoon, form acquisition 1844 © Gipsformerei, Staatliche Museen zu Berlin

Wozu eigentlich Kunstwerke aus Gips? Wir wollen doch die Originale sehen, oder?

Das Gedächtnis der Museen

Die Gipsformerei ist die älteste Institution der Staatlichen Museen zu Berlin. 1819 wurde sie als „Königlich Preußische Gipsgussanstalt“ gegründet. Gipsabgüsse haben vielfältige Funktionen: sie dienen künstlerischen Studien, als Vorlagen für Reparaturen und dem kommerziellen Verkauf. Schließlich kann sich so ein Gipsabguss recht dekorativ ausnehmen. Aber auch in Museen finden wir bisweilen Gipsabgüsse. Das 1925 gegründete Alte Museum auf der Museumsinsel beispielsweise war anfangs komplett mit Gipsabformungen bestückt.

Den Zweiten Weltkrieg hat die Gipsformerei unversehrt überstanden. Für die Erinnerung an manche Werke war dies ein Glücksfall. Rund 500 Abgüsse von Kunstwerken, deren Originale beschädigt oder zerstört wurden, lagerten dort.

So sind die Gipsabgüsse zwar keine Originale, aber für deren Erhalt wertvoll.

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Illustration: K.Böhlau

Original oder Kopie?

Die Gipsabgüsse des Laokoon oder einzelner Teilen der Skulptur sind nachgefragt, auch wenn es sich dabei nicht um das Original handelt. Doch es gibt auch andere Objekte, bei denen der Status „Original“ extrem wichtig ist.

Sammlung.pngAssembly of various fragments of the Berlin Wall

Überreste der Berliner Mauer

Nach dem 9. November 1989 wurden sie zu einem beliebten Souvenir.

Fragmentierung der Mauer

Mauerspechte

Nach der gewaltfreien Überwindung der Berliner Mauer am 9. November 1989 wurde diese buchstäblich zerlegt und fragmentiert. Tausende Menschen schlugen größere und kleinere Teile heraus. Schnell sprach man von Mauerspechten. Der Mauerfall veränderte die Bedeutung des Betons, der nun zum Symbol für Freiheit wurde.

Die Bruchstücke dienten jedoch nicht nur als persönliche Andenken. Manch einer versuchte auch sie zu verkaufen, als Bruchstück der Geschichte. Bis heute sind Teile der Mauer auf Flohmärkten oder im Internet zu erwerben. Zertifikate sollen für ihre Echtheit bürgen.

Doch ob sie wirklich echt sind, wer weiß das schon...

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Berlin Wall, wall woodpecker at the lettering: "SOON GONE TEAR ME DOWN" - Zumthie at German Wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons

Echt?

Manche Bruchstücke wurden auch weiterverarbeitet. Wie dieser Mauerohrring, der heute im Museum Europäischer Kulturen aufbewahrt wird - mit Echtheitszertifikat!

STORIES ZUR SONDERAUSSTELLUNG "IN:COMPLETE. ZERSTÖRT – ZERTEILT – ERGÄNZT"

un:echt

Ist im Museum alles echt?

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un:wichtig

"Kann das weg?"

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un:brauchbar

Wer spricht hier?

Stickereistreifen von Festtagsblusen aus der Gegend um Hluk (heute Tschechische Republik) Anfang/Mitte 19. Jahrhundert © Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin

un:sicher

Wenn Objekte im Museum zu Fragmenten werden...

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