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Diese Geschichte handelt ebenso von der Entstehung einer Freundschaft, die auf gemeinsamen Interessen beruht, wie vom kreativen Schaffen und der zukünftigen Integration von Gohar Dashtis Werken in die Dauerausstellung des Museums für Islamische Kunst. Der Titel „Stationen von Heimat" (im Original "Stations of Place") ist in Anlehnung an die Maqamat (Stationen oder Versammlungen) al-Hariris gewählt, da wir die Mobilität oder „Wanderung” (siyaha) der Maqamat als wesentlich für die damit verbundenen Kunstwerke ansehen. Mobilität und die Suche nach einem Ort oder vorübergehenden Stationen der Zugehörigkeit sind grundlegende menschliche Erfahrungen, die der mittelalterliche Autor und Künstler aufgreift und in Inhalt und Kontext seiner Werke einfließen lässt.
Legt man dieses Gemälde aus dem 13. Jahrhundert neben eine Fotografie von Gohar Dashti aus dem Jahr 2014, fragt man sich unwillkürlich, welche oder ob hier überhaupt eine Verbindung besteht. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass Konzepte von Mobilität, Migration und temporären Aufenthalten sowohl in den Werken Gohar Dashtis als auch in einem der wertvollsten Beispiele islamischer Kunstgeschichte eine zentrale Rolle spielen.
In diesen Kernthemen und einem gemeinsamen Interesse an Natur, Landschaften und Bewegung haben sich die Künstlerin Gohar Dashti und die Kuratorin Margaret Shortle gefunden.
Margaret und Gohar lernten sich im Herbst 2022 kennen, als beide in Berlin waren und über das UNESCO-Weltkulturerbe Takht-e Soleyman im Nordwesten des Iran und die umliegende Landschaft forschten. Margaret arbeitete damals mit ihren Kuratorenkolleginnen Dr. Deniz Erdumann und Dr. Ute Franke an Fliesenfragmenten vom Takht-e Soleyman aus den Beständen des Museums und deren Präsentation in der zukünftigen Ausstellung des Museums für Islamische Kunst (Eröffnung 2027). Das gemeinsame Interesse mit Gohar war nicht ganz zufällig, sondern war während mehrerer Begegnungen und Gesprächen entstanden. Die folgende Geschichte ist eine schriftliche Reflexion über die ersten Gespräche und den weiteren E-Mail-Austausch zwischen der Künstlerin und der Kuratorin. Der Austausch wurde redaktionell angepasst.
Margaret:
Gohar, unser erstes Treffen in Berlin hat mir sehr gefallen, weil es sich - ehrlich gesagt - so einfach anfühlte, fast wie eine Übung in „Das Kleine-Welt-Phänomen“. Wir haben uns sofort über unsere gemeinsamen Netzwerke in Boston und München und unser gemeinsames Interesse an Berglandschaften zwischen den USA und dem Iran verstanden. Du hattest außerdem gerade einen schriftlichen Beitrag zu „Survey Practices and Landscape Photography Across the Globe“ fertiggestellt, der von Erin Nolan und Sophia Junge, Kolleginnen und Freundinnen von uns beiden, mit herausgegeben wurde.
Margaret:
Damals unterrichteten Sophia und ich zum Thema Mobilität und Natur, und so luden wir Dich zu einem Vortrag vor den Studierenden in München ein. Du stelltest Deine künstlerische Arbeit vor und gingst dabei besonders auf Deine Serie „Land/s“ ein. Auf die Frage einer Studentin hin hast Du die Serie als Ausdruck einer Barriere oder Grenze zwischen den beiden Ländern beschrieben, in denen Du lebst – den Vereinigten Staaten und dem Iran. Diese Beschreibung hat mich zugegebenermaßen sehr beeindruckt, und ich frage mich, ob Du sie heute noch ähnlich empfindest?
Gohar:
Ja, ich erinnere mich daran, das gesagt zu haben - und ich finde immer noch, dass „Land/s“ diese Grenze einfängt – obwohl ich sie heute eher als Schwelle bezeichnen würde. Es ist keine physische Mauer, sondern eine unsichtbare Linie, die ich ständig überschreite. Es ist die subtile Trennlinie zwischen meinem Leben im Iran und meinem Leben in den USA, ein Zwischenraum. In der Serie „Land/s“ habe ich buchstäblich zwei unterschiedliche Landschaften in einem Bild verschmolzen, um diese Schwelle zu visualisieren. Die Grenze ist emotional und kulturell: Es ist die Kluft zwischen den Erinnerungen an meine Heimat und meiner Realität in einem neuen Land. Doch sie ist auch ein Treffpunkt – ein Ort, an dem sich diese beiden Welten überschneiden. Die Natur neigt dazu, die Grenze zu verwischen; eine Zypresse hier in Massachusetts erinnert mich zum Beispiel an eine Zypresse in meiner Heimatstadt. Trotzdem fühlt sich die Verbindung anders an, weil die Wurzeln in unterschiedlichen Böden, in einem anderen Klima wachsen – aber ich kann die Kluft selbst in der Ähnlichkeit spüren. Von diesem Paradoxon handelt „Land/s“. Es macht die Grenze sichtbar, zeigt aber auch, wie die natürliche Landschaft trotz dieser Trennung eine Brücke zwischen meinen beiden Heimaten schlagen kann.
Margaret:
Das gefällt mir. „Schwelle“ hebt die Ähnlichkeiten der beiden fotografierten Landschaften und die stets präsente, aber subtile Kluft, die Ihre Serie „Land/s“ andeutet, treffend hervor. „Schwelle“ erweitert zudem meine ursprüngliche Wahrnehmung Deiner Kunst und zeigt die Brücken, die durch eine tiefere Auseinandersetzung mit den kontextuellen und intellektuellen Grundlagen von Kunst und Kultur entstehen. Als Betrachterin und Kulturhistorikerin war ich beeindruckt, wie schwer es ist, die amerikanischen und iranischen Landschaften in der Serie zu unterscheide - ein Spiel mit meiner eigenen Wahrnehmung, wie eng die beiden Länder trotz ihrer Herausforderungen verbunden sein können.
Margaret:
Ich weiß, dass meine Wahrnehmungen auf viel Lektüre und historischer Recherche beruhen. Ich weiß auch, dass Du in Deiner künstlerischen Arbeit Recherchen einsetzt. Könntest Du das bitte näher erläutern?
Gohar:
In meiner Arbeit beginnt die Recherche stets mit einer persönlichen Frage: Wie nehmen wir unsere Geschichte mit uns, wenn wir umziehen? Ich erkunde Landschaften, Archive und Museumssammlungen, um Verbindungen zwischen meiner Herkunft und meinem heutigen Leben zu finden. Kulturerbe wird so zu etwas Aktivem, das uns nicht nur in der Vergangenheit geformt hat, sondern auch heute noch prägt.
Wenn ich mit Kulturgütern oder Orten arbeite, die ich noch nicht besucht habe, begegne ich ihnen mit Sorgfalt und Neugier. Ich höre Experten zu, lerne von den Geschichten im Museum und suche nach dem emotionalen Faden, der das Publikum hier in Berlin anspricht. Mein Ziel ist es, einen neuen Punkt zu schaffen, an dem sich Geschichte und Gegenwart berühren.
Du, Margaret, hast weder Iran noch den Takht-e Soleyman persönlich besucht. Wie gehst Du an die Kuratierung von Kulturgütern von Orten heran, die Du nie selbst erlebt hast? Was hilft Dir, die Distanz zwischen dem Ursprung eines Objekts und dem Publikum hier in Berlin zu überbrücken?
Margaret:
Was für eine große, schwierige Frage. Es stimmt. Ich war noch nie in Iran - und das ist etwas, womit ich mich in Bezug auf meine Forschung und mein Schreiben immer wieder auseinandersetze. Der Kürze halber: Meine erste Begegnung mit der visuellen und materiellen Kultur der weiteren persischsprachigen Welt innerhalb der Vereinigten Staaten war intellektuell so anregend und visuell so beeindruckend, dass mir das weitere Studium dieser Materialien weder wie eine selbst bestimmte Entscheidung vorkam, noch seltsam erschien. Wie Du weißt, ist die iranische Diasporagemeinschaft in den Vereinigten Staaten groß, gut vernetzt und engagiert. In jenen Räumen, in denen persischsprachiges Kulturerbe behandelt wird, ist die Gemeinschaft häufig präsent und aktiv beteiligt. Als ich eher zufällig zu diesem Forschungsfeld fand, fühlte sich mein akademisches Interesse ganz selbstverständlich an, und die damaligen Reisebeschränkungen wurden allgemein hingenommen. Meine Studien entwickelten sich zudem in kosmopolitischen Städten wie Detroit, Chicago und Boston, wo iranische Filme und iranisches Essen leicht zugänglich waren.
Um ehrlich zu sein, habe ich in Berlin ein deutlich stärkeres Gefühl der Entfremdung erlebt: Hier befinde ich mich in der Position einer Ausländerin, die weiterhin persische visuelle und materielle Kultur erforscht – und das innerhalb jener Räume, die historisch meine Forschungsinteressen überhaupt erst ermöglicht haben. Im Museum bin ich ganz konkret mit den Ursprüngen der Islamischen Kunst und Architektur als wissenschaftlichem Fach verbunden. Vorerst überbrücke ich diese Distanz, indem ich weiterhin historiografisch mit den Berliner Museums- und Bibliotheksbeständen arbeite. Ich glaube, ich begreife die historischen Materialien und meine Forschung – insbesondere in Berlin – ähnlich, wie Du „Land/s“ wahrnimmst: als eine imaginäre Schwelle, die ich gelegentlich und intellektuell überwinden kann, die ich jedoch vielleicht nie wirklich betreten werde. Ist das nicht gerade der Sinn von Kunst und Kunstgeschichte? Ich persönlich sehe einen großen Wert darin, dass das Studium der Kunst- und Kulturgeschichte zu einem vertieften Verständnis beitragen und häufig Vorurteile gegenüber anderen Menschen und Kulturen auflösen kann – Annahmen, die allein aus Unwissen entstehen.
Margaret:
Ehrlich gesagt waren es dieser Ansatz und Deine Serie „Land/s“, die mir geholfen haben, mich mit unserem anderen gemeinsamen Interesse zu beschäftigen: Dem Takht-e Soleyman. In seiner Höhenlage und seiner optischen Pracht erinnert mich der Takht-e Soleyman an vergleichbare Gebirgslandschaften im Nordwesten Colorados, wo ich mich am meisten zu Hause fühle. Diese intime Vertrautheit, kombiniert mit archivalischem und zeitgenössischem Bildmaterial, ermöglicht meine eigene Annäherung an den Ort – ebenso wie unsere Gespräche darüber. Du fragst häufig, ob der Ort allein durch die Archive sprechen könne, und ich muss einräumen, dass das Archivmaterial und die Fragmentarität der archäologischen Überreste nur teilweise dazu im Stande sind. Selbstverständlich ist wissenschaftliche Forschung auf historische Quellen angewiesen, doch wirklich fesselnde Geschichten entstehen durch Zusammenarbeit und Dialog im Hier und Jetzt. Ich lerne aus Deiner Perspektive und Deinen Fotografien ebenso viel wie aus der Lektüre mittelalterlicher geografischer Texte, die den Ort und seine Geschichte erwähnen. Ich nehme all dies in mich auf und genieße diesen Prozess sehr.
So lässt Deine Panoramaaufnahme beispielsweise einige der markantesten Elemente der Anlage aus, darunter den kleinen artesischen See, um den der Tempel errichtet wurde, sowie die unmittelbare Nähe zu Zendan-e Soleyman („Salomons Gefängnis“). Durch den trockenen, felsigen Vordergrund, übersät mit Hochlandgräsern und gelbem Ferulago, entsteht dennoch eine visuelle Annäherung an die physische Erfahrung der trockenen, bergigen Landschaft und der umliegenden Weideflächen. Deine Bildkomposition eröffnet einen eindrucksvollen Zugang und verleiht meinem eigenen Forschungsinteresse weitere Nuancen – insbesondere meinen Bemühungen, mittelalterliche mongolische Lagerplätze und die in Berlin befindlichen Fliesenfragmente besser zu kontextualisieren.
Mich würde interessieren: Wie haben unsere Gespräche über den Takht-e Soleyman in Berlin Deine Wahrnehmung des Ortes und Deine aktuelle Arbeit beeinflusst?
Gohar:
Berlin war für mich ein Crashkurs in Geschichte und Symbolik des Takht-e Soleyman. Durch lange Gespräche und die Zeit in den Archiven begann ich zu verstehen, wie der Ort im Einklang mit der Landschaft gestaltet wurde – die Architektur fügt sich in die Vulkanlandschaft ein und umschließt den kreisrunden See wie eine Fortsetzung derselben.
Margaret:
Gohar, deine Beschreibung erinnert mich an ein anderes Bild der Stätte, aufgenommen von Erich Schmidt, einem deutsch-amerikanischen Archäologen, der in den 1930er Jahren Luftaufnahmen archäologischer Ruinen im Iran durchführte.
Natürlich mangelt es dem Foto an Farbe und Schärfe heutiger Aufnahmen, doch ich schätze die Luftperspektive, die die Ruinen in den sie umgebenden Bergweiden zeigt. Zusammen mit Deinem kürzlich aufgenommenen Panorama, das einen Hauch von Grün am Horizont erkennen lässt, kann man sich die nahtlose Einbettung der Stätte in die von dir beschriebene Hochgebirgslandschaft gut vorstellen. Was noch fehlt, ist die Palaststruktur, sowohl der alte sassanidische Feuertempel als auch die mittelalterlichen mongolischen (ilchanidischen) Umbauten, die mit aufwendigen, glänzend bemalten Keramikfliesen verkleidet sind. Die fragmentarischen Überreste wurden aufgrund der gemeinsamen Ausgrabungen beider Länder in den späten 60er Jahren größtenteils zwischen dem Iran und Berlin aufgeteilt. Es sind diese fragmentarischen Überreste, die uns zusammengeführt und uns geholfen haben, unser gemeinsames Interesse an der Landschaft und der Palaststruktur zu verbinden.
(Foto: Erich Schmidt, Takht-i-Sulaiman, Ansicht der Stätte („Thron Salomos“), aus einer Höhe von 1000 m am 27. Juli 1937, AE 676, Universität Chicago, Orientalisches Institut)
Gohar:
Während meines Aufenthalts in Berlin hatte ich Zugang zur Bibliothek und den Archiven des Museums für Islamische Kunst, wo ich historische Aufzeichnungen und Kataloge ilchanidischer Fliesenarbeiten vom Takht-e Soleyman studierte – viele davon nicht öffentlich zugänglich. Dort stieß ich auf Dokumentationen und Abbildungen von achtzackigen Sternfliesen mit zarten botanischen Motiven, die meine Vorstellung von dieser Stätte völlig veränderten. Es waren nicht mehr nur Ruinen – sie waren einst erfüllt von Licht, Farbe und sakraler Symbolik.
Als ich dann nach Iran zurückkehrte, sah ich die Stätte mit ganz anderen Augen. Ich konnte mir die fehlenden Fliesen vorstellen, die vielschichtigen Geschichten an den Wänden. Ich begann, den Zusammenhang zwischen Natur und Mythos zu erkennen, wie persische Kosmologie und materielle Kultur an diesem Ort verschmolzen. Berlin hatte mir eine wissenschaftliche und zugleich poetische Perspektive eröffnet, und bei meinem erneuten Besuch fühlte es sich weniger wie die Erkundung einer archäologischen Stätte an, sondern eher wie die Wiederbegegnung mit einem lebendigen, atmenden Freund aus der Vergangenheit. Dieses Wiederbegegnen hat auch meine Wahrnehmung der Stätte, die mir einst wie eine ferne, beeindruckende Ruine vorkam, völlig verändert. Sie ist zu etwas viel Intimerem geworden – fast schon Heiligem. Je mehr ich recherchierte und je öfter ich zurückkehrte, desto mehr spürte ich, wie die Stätte als vielschichtiges, atmendes Archiv zum Leben erwachte.
In meinem Projekt „Abstract Horizons“ habe ich genau beobachtet, wie sich Landschaften – sichtbar und unsichtbar – im Laufe der Zeit und durch menschlichen Einfluss verändern. Ich begann mit Polaroids, die ich direkt vor Ort aufnahm, fasziniert von der stillen Kraft des Ortes, der Harmonie zwischen Vulkangestein, heiligem Wasser und jahrhundertealter Architektur. Dann traf ich eine mutige Entscheidung: Ich verfremdete diese Polaroids kontrolliert durch Hitze und Flammen, um zu erforschen, wie Erinnerung, Natur und Zerstörung nebeneinander existieren können. Die Brandspuren wurden mehr als nur Spuren – sie verwiesen auf die zoroastrischen Feuerrituale, die einst an diesem Ort praktiziert wurden. Feuer wurde sowohl zu einem Werkzeug der Transformation als auch zu einem Symbol für Widerstandsfähigkeit.
Dieser Prozess hat meine Verbundenheit zu dem Ort noch verstärkt. Der Takht-e Soleyman ist nicht nur eine historische Stätte – es ist ein Ort, an dem Feuer und Wasser, Mythos und Geologie im Gleichgewicht stehen. Der See in seiner Mitte wirkt zeitlos, und doch ist die Landschaft ständig im Wandel. Was mich heute fasziniert, ist dieses Paradoxon: Dass etwas so Uraltes sich so lebendig anfühlen kann.
Doch ich habe noch immer Fragen. Wie sah der Alltag hier aus? Welche mündlichen Überlieferungen gibt es in den umliegenden Dörfern? Was erinnern die Einheimischen über die Tiefen des Sees, was stellen sie sich vor? Diese Fragen lassen mich immer wieder zurückkehren. Meine Beziehung hat sich gewandelt – von distanzierter Bewunderung hin zu einer Art künstlerischem und emotionalem Dialog. Ich betrachte den Ort nicht mehr nur. Ich höre zu.
Margaret:
Mir gefällt Deine Wahl, diesen Ort als lebendig zu beschreiben, und auch die Vorstellung, dass Du zuhörst. Deine Schilderung zielt auf eine stärker körperlich erfahrbare Annäherung an den Ort – und macht deutlich, wie wichtig es ist, tatsächlich vor Ort zu sein. Da mir das selbst noch nicht möglich ist, höre ich Dir umso lieber zu und lerne aus Deinen Erfahrungen. Ich frage mich, ob Du die Auseinandersetzung mit den fragmentierten poetischen Inschriften auf den erhaltenen Fliesen als eine weitere Form des Zuhörens betrachten könntest. Oder besser noch, vielleicht ist unser Dialog ein Akt der Zusammenarbeit, der unsere Fähigkeit zum Zuhören schärft?
Ich mag den Gedanken. Ich glaube auch, dass sich unsere Arbeit als forschende Künstlerin und forschende Kuratorin gar nicht so sehr unterscheidet. Wir beide müssen schriftlich oder bildlich vermitteln, was wir aufnehmen und lernen. Da ich mich so sehr auf die Vergangenheit konzentriere und weniger auf die selbst erlebte Erfahrung, kann ich am besten historische Eindrücke des Ortes beisteuern. Was beispielsweise die Tiefe des Sees betrifft, so staunte der Geograph Ḥamd-Allah Mostawfi aus dem 14. Jahrhundert über seine artesischen Eigenschaften und bemerkte: „Wie ein kleiner See, dessen Tiefe noch kein Schiffer ergründen konnte.“ Natürlich habe ich dies aus einer längeren Abhandlung über die Palastanlage entnommen und muss selbst im historischen Kontext darüberschreiben.
Was ich an Deiner Arbeit am meisten schätze, ist, wie Du Dich oft mit den gleichen Fragen und Materialien auseinandersetzt und diese Fragen dann dennoch in die Gegenwart übertragen kannst. Deine Fotografien bieten da eine gewisse Freiheit die Gesamtheit zu erfassen, wenn ich das so sagen darf, sie können den Ort, seine vielschichtige Geschichte und seinen gegenwärtigen Zustand gleichzeitig wiedergeben. Ich gebe zu, dass ich viel von Deinem Vorgehen lerne und aufmerksam verfolge, welche Elemente Du aus Vergangenheit und Gegenwart auswählst und in Deine Arbeit einfließen lässt.
Margaret:
Ich persönlich freue mich sehr darauf, Abstract Horizons in der zukünftigen Präsentation des Museums zum Takht-e Soleyman und den archäologischen Funden in Berlin zu sehen. Deine Darstellung des Wandels der Landschaft harmoniert hervorragend mit den historischen Bildern mongolischer Völker und Lager aus dem berühmten Berliner Diez-Album, einer Sammlung von Zeichnungen und Gemälden auf Papier, die chronologisch mit den Keramikfunden aus Takht-e Soleyman übereinstimmt. Dass Deine Fotografien durch die Verbrennungen Verlust und Wandel sichtbar machen, spiegelt eindrücklich die Veränderungen und Verluste wider, die die archäologische Stätte im Laufe der Zeit erfahren hat. Es ist eine spannende Gegenüberstellung zeitgenössischer und historischer Kunstwerke.
Gohar Dashti, geboren 1980, ist eine iranische Künstlerin mit Wohnsitzen in Boston, Berlin und Teheran. Gohar erwarb 2005 einen Master-Abschluss in Fotografie an der Universität für Bildende Künste in Teheran. Ihre Arbeiten sind in den ständigen Sammlungen des Victoria and Albert Museum (London), des Mori Art Museum (Tokio), des Museum of Fine Arts (Boston) und des Smithsonian (Washington, D.C.) zu sehen. Außerdem erhielt sie Stipendien von der Civitella Ranieri Foundation (2024), dem V&A Parasol Foundation Prize (2023) und MacDowell (2017 & 2021).
Margaret Shortle, geboren auch 1980, ist eine Amerikanische Kunsthistorikorin und Kuratorin am Museum für Islamische Kunst, Berlin. Ihr Forschungsinteresse gilt der visuellen, materiellen und intellektuellen Kultur des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Iran und Zentralasiens.
Erforschung weiblicher Formen und überirdischer Elemente in der Malerei der Qadscharen-Ära des 19. Jahrhunderts.
Eine Diskussion über Shadi Ghadirians Qadscharen-Serie, Fotografie im Iran, Identität und die Auseinandersetzung des Publikums mit ihrer Kunst.